Der tragische Fall des Buckelwals in der Wismarer Bucht
Über Tage hat der in der Ostsee vor Wismar festsitzende Buckelwal die deutsche Öffentlichkeit beschäftigt. Laut Expertenmeinung gibt es für das majestätische Tier kaum noch Überlebenschancen, nachdem die Rettungsversuche eingestellt wurden. Doch wie verläuft eigentlich der Sterbeprozess bei einem gestrandeten Wal? Und was soll mit dem Buckelwal nach seinem Ableben geschehen? Diese Fragen bewegen Wissenschaftler und Tierschützer gleichermaßen.
Die Ursachen für das Sterben gestrandeter Wale
„Jede Strandung ist individuell“, betont Tom Bär, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, mit Nachdruck. „Hauptgründe für das Sterben eines Wales am Strand sind Lageschäden, Überhitzung und Vorschädigungen“, erläutert der Experte detailliert. „In fast allen Fällen führen diese verschiedenen Ursachen, häufig in Kombination, zu einem akuten Herz-Kreislaufversagen.“
Die Entstehung von Lageschäden erklärt Bär so: „Größere Wale erleiden dabei Schäden durch die Kompression insbesondere in der Lunge, da sie normalerweise ihr Körpergewicht nicht tragen müssen, sondern durch das Wasser und Luft in der Lunge Auftrieb haben.“ Bei einer Strandung werde die Lunge nicht mehr vollständig belüftet und könne sich, teilweise durch Gewebeschäden, mit Flüssigkeit füllen. „Dadurch sinkt die Sauerstoffversorgung des Körpers, was unter anderem die Herzfrequenz und den Kreislauf beeinflusst.“
Überhitzung und Vorschädigungen als zusätzliche Faktoren
Auch die Überhitzung hängt eng mit der Lungenfunktion zusammen. Normalerweise wird der Körper des Wales Bär zufolge durch die Atemluft und Körperpartien wie die Fluke gekühlt. „Ist die Lunge geschädigt, ist auch die Kühlung des Körpers beeinflusst.“
Vorschädigungen können auf verschiedene Ursachen zurückgehen:
- Nahrungsmangel
- Infektionen
- Verletzungen durch Fischereinetze
- Aufgenommene Fremdkörper
Zum konkreten Fall des Buckelwals bei Wismar sagt Bär: „Wir können leider den genauen Zustand des Tieres nicht bewerten, da wir es nicht innerlich untersuchen können. Es kann sein, dass dieses Tier mit einer Infektion zu kämpfen oder Organschäden hat.“
Die Überlebensfähigkeit ohne Nahrung
„Großwale wie Buckelwale sind natürlicherweise längere Fastenperioden gewohnt“, erklärt Bär zur Frage der Nahrungsaufnahme. Ihr Wanderverhalten sei dadurch gekennzeichnet, dass sie zur Paarungszeit in warme Gewässer wandern, in denen sie reduziert bis gar keine Nahrung zu sich nehmen und hauptsächlich von ihrem aufgebauten Blubber leben - also von ihrer Fettschicht. „Dies kann mehrere Monate in Anspruch nehmen.“
Die Pläne für den Wal nach seinem Tod
Sollte eintreten, was Wissenschaftler und Umweltschützer erwarten, wird der Kadaver des Wales nach Stralsund zum Deutschen Meeresmuseum gebracht. Dieses unterhält eine Spezialabteilung für Meeressäuger. Dabei würde es laut Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus aber ausdrücklich nicht darum gehen, ein Skelett für das Museum zu bekommen, sondern allein darum, den Wal zu untersuchen und die Todesursache zu bestimmen.
Bär ergänzt: „Im Falle seines Sterbens soll das Tier im Rahmen einer Sektion wissenschaftlich untersucht werden. Dabei werden sowohl der Körper als auch die Organe untersucht und beprobt.“ Hauptaugenmerk liege dabei auf:
- Dem Gesundheitszustand des Tieres
- Der Todesursache
- Der Frage, warum es in den Wochen vor seinem Tod diverse Male aufgesetzt ist
„Dies könnte auch auf Vorerkrankungen hindeuten. Der Zustand des Netzrestes im Maul wird ebenfalls evaluiert.“
Die Rolle des Fischereinetzes
In den vergangenen Tagen gab es intensive Diskussionen über das mögliche Fischereinetz im Maul des Buckelwals. Ein großer Teil des Netzes - 50 bis 70 Meter - sei bereits Anfang März entfernt worden, hatte Backhaus mitgeteilt. Man wisse aber nicht, wie viel Netzmaterial sich möglicherweise noch im Wal befinde. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass das Material bereits in das Gewebe des Tieres eingewachsen sei.
Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) betont auf ihrer Website: „Auch wenn der Fall dieses Buckelwals extrem traurig und tragisch ist – die Realität ist, dass jedes Jahr rund 300.000 Wale und Delfine weltweit einen ähnlich langen Leidens- bzw. Sterbeweg haben, da sie sich in Fischereigeräten verstricken.“ Der Buckelwal in der Ostsee zeige, „wie schlimm die Auswirkungen unserer menschlichen Aktivitäten im Meer sind“.
Der natürliche Kreislauf im Ozean
Wale erfüllen Bär zufolge eine wichtige Funktion im Nahrungsnetz der Ozeane - sowohl während sie leben als auch nach dem Tod. „Wale sinken nach dem Sterben auf den Boden und stellen dort eine wichtige Nahrungsressource für eine Vielzahl von Arten dar“, erklärt der Experte. Zudem werde damit langfristig Kohlenstoff in der Nahrungskette gebunden, was für das marine Ökosystem von großer Bedeutung ist.
Der Sterbeprozess eines gestrandeten Wales kann sich über einen längeren Zeitraum hinziehen und ist für das Tier mit erheblichem Leiden verbunden. Die wissenschaftliche Untersuchung nach dem Tod soll nicht nur Aufschluss über die konkreten Todesumstände geben, sondern auch wertvolle Erkenntnisse für den Schutz dieser beeindruckenden Meeressäuger liefern.



