Noch immer steckt Strahlung in manchen Pilzen rund um München. Ein Experte erklärt, welche Sorten besonders betroffen sind – und wann es riskant wird.
Hintergrund der Belastung
Hauke Doerk (42) kann sich nicht mehr an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erinnern. Er war damals zwei Jahre alt. Trotzdem beschäftigt er sich nun nahezu täglich mit Strahlung. Er arbeitet als Referent für Radioaktivität und Energiepolitik beim Umweltinstitut München. Dabei misst er unter anderem radioaktive Spuren in Pilzen. Denn noch heute, 40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe, sind bestimmte Regionen und die dort wachsenden Pilzsorten noch besonders durch Cäsium-137 (Cs) belastet.
Pilzsorte und Region sind entscheidend
Je nach Art des Bodens, Pilzsorte und Region kann die Belastung sehr unterschiedlich ausfallen. „Der Regen, den die radioaktive Wolke abgeregnet hat, war sehr kleinteilig“, weiß Doerk. So gibt es zum Beispiel im Süden von München Areale, die stark belastet sind, manche weniger. Im Deisenhofener Forst ist die Belastung vergleichsweise hoch. Für Doerk wichtig zu betonen: „Ein Waldspaziergang ist unbedenklich. Durch den Verzehr von stark belasteten Pilzen gehe ich ein Risiko ein“, so der Experte. Und was heißt nun stark belastet?
Grenzwerte und Messungen
Strahlenbelastung wird in Becquerel angegeben. Für Lebensmittel gilt ein Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm. Bei einer höheren Belastung dürfen Lebensmittel nicht mehr verkauft werden. Maronenröhrlinge gehören zu den stärker belasteten Pilzen, da sie mehr von dem radioaktiven Cäsium-137 enthalten. Auch Semmelstoppelpilze zählen zu den stark belasteten Sorten.
Pilze rund um München weisen artspezifisch ganz unterschiedliche Belastungen auf, weiß Doerk. Maronenröhrlinge haben beispielsweise mehr von dem radioaktiven Cäsium als Steinpilze oder Pilze auf der Wiese (wie Champignons oder Parasolpilze). „Zu den stark belasteten Pilzen gehören auch die Semmelstoppelpilze. Pfifferlinge liegen eher im Mittelfeld“, erklärt Doerk. Er weiß das so genau, weil er im Umweltinstitut selbst Messungen durchführt. Etwa 200 Proben pro Jahr wertet er mit einem sogenannten Gammaspektrometer aus. Proben nimmt Doerk beispielsweise aus Supermärkten oder vom Viktualienmarkt. Und von Münchnern. „Jeder kann uns seine Proben schicken“, so der Referent. Die Ergebnisse verschwinden nicht etwa in einer Schublade: Im Internet sind die Ergebnisse für jeden einsehbar.
Risiken bei häufigem Verzehr
Pilze, die auf Wiesen – wie der Wiesen-Champignon – wachsen, sind meist weniger belastet als Waldpilze. Dabei wird klar: die Belastung ist tatsächlich sehr, sehr unterschiedlich. Ein Beispiel: Ein 2025 gemessener Hallimasch aus Fürstenried-West weist nur 22,3 Becquerel pro Kilogramm auf. Ein Maronenröhrling aus dem Jahr 2023 lag mit 743 Becquerel pro Kilogramm Cs-137 sogar über dem Grenzwert. Die gute Nachricht: „Wir sehen den Trend, dass die Radioaktivität über die Jahrzehnte abnimmt“, so Doerk. Dennoch sind auch 40 Jahre nach dem Unglück die Spuren noch deutlich messbar. Ein Grund, warum Doerk zwar gerne Pilze isst, sich dieses Vergnügen aber eher selten gönnt. „Wer häufig belastete Pilze isst, setzt sich einem Risiko aus – vergleichbar mit mehrmaligem Röntgen der Lunge.“



