Hochwasserschutzpläne an der Selke: Meisdorfer fürchten um Tourismus und Immobilienwerte
Hochwasserschutzpläne an Selke: Tourismus in Gefahr?

Hochwasserschutzpläne an der Selke: Meisdorfer fürchten um Tourismus und Immobilienwerte

Nach über drei Jahrzehnten intensiver Diskussionen und Planungen liegt endlich eine konkrete Lösung für den Hochwasserschutz im Selketal vor. Doch die erste öffentliche Präsentation dieser Pläne in Meisdorf, einem Ortsteil von Falkenstein im Landkreis Harz, offenbarte tiefe Gräben zwischen den Verantwortlichen und der betroffenen Bevölkerung. Während das Umweltministerium von einem Meilenstein spricht, reagieren viele Einwohner mit Enttäuschung und großer Skepsis.

Skepsis statt Begeisterung bei öffentlicher Vorstellung

Bei der Veranstaltung am 9. April im Schützenhaus Meisdorf, zu der mehr als 200 interessierte Bürger kamen, herrschte eine deutliche ablehnende Stimmung. Nur ein einziger Zuhörer ergriff das Wort, um das vorgestellte Vorhaben zu unterstützen. Die Mehrheit äußerte hingegen konkrete Befürchtungen: Viele fürchten einen erheblichen Wertverlust ihrer Immobilien und sehen ihre privaten Investitionen in Gefahr.

Besonders kritisch wird bewertet, dass der Schutz primär durch innerörtliche Maßnahmen realisiert werden soll. Viele Anwohner hätten sich stattdessen Hochwasserschutzmaßnahmen im Selketal, also vor Meisdorf, gewünscht. Eine Frau brachte es auf den Punkt: „Damit wären die dortigen Hotelbetriebe geschützt und man müsste nicht um jedes Haus einzeln eine Mauer bauen.“

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Konkrete Pläne: Mauern und Rückhaltebecken

Der Planer Lars Schaarschmidt von der Tractebel Hydroprojekt GmbH aus Weimar erläuterte die technischen Details. Geplant sind rund 1.500 Meter Hochwasserschutzanlagen in sieben Teilabschnitten entlang der Selke in Meisdorf. Diese sollen in Form von Schutzmauern und -wänden errichtet werden. Visualisierungen gaben einen ersten Eindruck, wie diese Bauwerke auf den betroffenen Grundstücken aussehen könnten.

Allerdings räumte Schaarschmidt ein, dass nicht jedes Gebäude auf diese Weise vollständig geschützt werden kann. Vor allem in den Randbereichen seien individuelle technische Lösungen erforderlich. Ergänzend ist der Bau eines Rückhaltebeckens zwischen Meisdorf und Ermsleben vorgesehen.

Die Erinnerung an 1994 ist allgegenwärtig

Die Dringlichkeit des Themas wird durch die traumatischen Erfahrungen des verheerenden Hochwassers im April 1994 unterstrichen. Umweltstaatssekretär Steffen Eichner bezifferte die damaligen Schäden in der Veranstaltung auf 27 Millionen Euro. Dass nach 32 Jahren immer noch kein umfassender Schutz existiere, sei nicht mehr zu verantworten, so die offizielle Position.

Investoren schlagen Alarm: „Tod des Tourismus“

Besonders deutliche Kritik kam von Andreas Silbersack, einem Investor des Falk & Frei Selketal Resorts. Er bezeichnete die vorgestellte Vorzugsvariante als inakzeptabel: „Der Tourismus ist für Falkenstein eine Lebensader, aber in der Abwägung zu wenig berücksichtigt worden. Die Variante ist aus meiner Sicht der Tod des Tourismus im Selketal.“

Silbersack kritisierte, der Naturschutz sei über alle anderen Belange gestellt worden – „gegen die Menschen, die hier leben, und gegen die Investoren, die hier versuchen, Geld ins Selketal zu bringen.“ Er kündigte an, die weitere Investitionsbereitschaft genau zu prüfen, und drohte mit Widerstand gegen die Umsetzung dieser Planvariante.

Dialogangebot und Zeitplan

Das Planungsbüro will von August bis Oktober wöchentlich in Meisdorf präsent sein, um mit den Bürgern in einen intensiven Dialog zu treten. Ziel ist es, konkrete Bedarfe zu verstehen, individuelle Lösungen für den Objektschutz zu entwickeln und vor Ort die Machbarkeit zu prüfen – und damit letztlich auch die dringend benötigte Akzeptanz zu sichern.

Der Zeitplan sieht vor, dass die Entwurfsplanung bis Mitte 2027 erstellt wird. Daraus soll eine Planfeststellungsunterlage entstehen, die Ende 2027 zur Genehmigung eingereicht werden kann. Mario Hohmann, Geschäftsführer des Talsperrenbetriebs (TSB), betonte: „Es muss schon eine gemeinsame Sache werden. Nach 32 Jahren ist es an der Zeit, die Maßnahmen so umzusetzen, wie es besprochen wurde.“

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Doch ob dieser gemeinsame Weg gelingt, bleibt fraglich. Die tiefe Verunsicherung der Bürger und die scharfe Kritik der Investoren zeigen, dass zwischen dem technischen Meilenstein des Ministeriums und der Lebenswirklichkeit vor Ort noch eine große Kluft besteht, die es zu überbrücken gilt.