Zehn Jahre Dieselskandal: VWs teurer Weckruf für die Elektromobilität
Vor genau zehn Jahren flog einer der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Industriegeschichte auf: Der Dieselskandal bei Volkswagen erschütterte den Konzern bis in die Grundfesten. Was mit Tests von drei Studenten in Kalifornien begann, entwickelte sich zu einem Tsunami, der in Wolfsburg mit voller Wucht aufschlug. Heute, ein Jahrzehnt später, ist der Skandal zwar aus dem öffentlichen Fokus verschwunden, doch die Wogen sind längst nicht vollständig geglättet.
Vom Studentenexperiment zum Milliarden-Desaster
Im Frühjahr 2013 führten drei amerikanische Studenten Tests mit einem VW Jetta durch, die später als entscheidender Auslöser für die Aufdeckung der Abgasaffäre im Herbst 2015 gelten sollten. Ihre Messungen zeigten auffällige Werte, die schließlich zur Veröffentlichung der "Notice of Violation" durch die US-Umweltbehörde EPA am 18. September 2015 führten. In diesem Dokument wurde Volkswagen beschuldigt, mit einer speziellen Software Emissionsprüfungen systematisch manipuliert zu haben.
Die Reaktion im Konzern war drastisch. "Shit, voll schiefgelaufen", soll ein VW-Entwickler in den Tagen gesagt haben, als sich die Katastrophe nicht mehr abwenden ließ. Die Folgen waren unmittelbar spürbar: VW-Aktien stürzten ab, Vorstandschef Martin Winterkorn musste sein Amt räumen, und der Konzern geriet ins Wanken.
Milliardenschwere Konsequenzen und juristische Aufarbeitung
Die finanziellen Folgen des Skandals sind bis heute atemberaubend. Volkswagen musste in den USA mehr als 20 Milliarden Dollar an Strafen und Entschädigungen zahlen. In Deutschland kamen Bußgelder in Milliardenhöhe hinzu. Die eigenen Kosten für die Aufarbeitung der Manipulationsaffäre gibt der Konzern mit rund 33 Milliarden Euro an – ein Betrag, der die Dimension des Desasters eindrucksvoll verdeutlicht.
Juristisch zog der Skandal weite Kreise. Sowohl in den USA als auch in Deutschland wurden Gefängnisstrafen gegen frühere VW-Mitarbeiter verhängt. Das Verfahren gegen Ex-Vorstandschef Winterkorn wurde zwar wegen gesundheitlicher Probleme vorläufig eingestellt, doch in den wenigen Verhandlungstagen hatte "Mr. Volkswagen" jegliche strafrechtliche Verantwortung zurückgewiesen.
Kulturwandel bei Volkswagen
VW-Chef Oliver Blume sprach jüngst auf der IAA Mobility in München von einem selbst verursachten "Kulturschock". Der Konzern habe aus seiner Sicht Lehren gezogen und Compliance-Prozesse installiert. "Wir haben die Produktstrategie verändert", sagte Blume mit Blick auf die Transformation zu mehr Elektromobilität.
Helena Wisbert, Professorin für Automobilwirtschaft an der Ostfalia Hochschule Wolfsburg, sieht darin sogar das einzig Positive an der ganzen Sache: "Als Reaktion auf den Skandal sei E-Mobilität als Zeitenwende zelebriert und vorangetrieben worden. Ansonsten wäre die Dieseltechnologie noch viel länger die erste Technologie geblieben." Der 18. September 2015 markiere eine Zäsur für VW. "Danach hat sich alles geändert."
Experten kritisieren dreisten Umgang mit dem Skandal
Die Automobilexpertin Wisbert zeigt sich bis heute fassungslos über die Vorgänge: "Mit welcher Hybris geglaubt wurde, man käme mit so etwas durch, war für mich unfassbar." Sie sei überrascht gewesen, dass den besten Ingenieuren der Branche nichts anderes eingefallen sei als zu manipulieren.
Frank Schwope, der Automobilwirtschaft an der Fachhochschule des Mittelstands lehrt, reagiert mit Kopfschütteln, wenn bis heute von "Schummeln" gesprochen wird. "Das ist kein Schummel, das ist knallharter Betrug gewesen", betont der Branchenexperte. Der anfängliche dreiste Umgang mit den Vorwürfen der Abgasmanipulation bei VW habe sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.
Transformation der gesamten Autoindustrie
Interessanterweise bescheinigt ausgerechnet eine neue Studie der Organisation ICCT, die maßgeblich zur Aufdeckung des Skandals beitrug, der europäischen Autoindustrie zehn Jahre später einen guten Weg zu mehr Elektromobilität. Peter Mock, Geschäftsführer des ICCT Berlin, erklärt: "Um Vertrauen zurückzugewinnen und Emissionen zu reduzieren, versprachen die Autohersteller, verstärkt auf Elektrifizierung zu setzen."
Der Verweis auf mehrere Hersteller macht Sinn, weil nach VW viele andere deutsche und ausländische Produzenten mit ähnlichen Vorgängen in den Fokus rückten. Es gab Vorwürfe, Durchsuchungen, Rückrufe, und auch andere Autobauer mussten Fahrzeuge nachrüsten. Die EU-Kommission forderte strengere Abgastests und mehr Aufsicht, während Umweltverbände seit Jahren auf Fahrverbote in Städten klagen.
Langfristige Auswirkungen und Lehren
Professorin Wisbert sieht Gründe dafür, warum in erster Linie Volkswagen mit dem Dieselskandal verbunden wird: "Der Konzern habe damals nicht angemessen reagiert und eine Salamitaktik verfolgt." Nach Überzeugung der Expertin konnten andere Hersteller im Nachgang ihre Kommunikationsstrategie anpassen und haben aus den Fehlern bei VW gelernt.
Volkswagen trug demnach vor allem selbst dazu bei, dass die riesige Skandal-Welle nur langsam abebbte und nicht zu sehr auf Mitbewerber überschwappte. Frank Schwope fasst die ironische Wendung zusammen: "Das ist schon ein ziemlich teurer Weckruf für die Elektromobilität gewesen." Zehn Jahre nach dem Bekanntwerden des Skandals zeigt sich: Aus der tiefen Krise erwuchs letztlich der entscheidende Impuls für die elektrische Transformation des Autoriesen.



