Tarifeinigung ohne Arbeitskampf: Chemie- und Pharmabeschäftigte erhalten mehr Geld
In einer wirtschaftlich schwierigen Phase ist es der Chemie- und Pharmabranche gelungen, einen neuen Tarifvertrag ohne Streiks auszuhandeln. Die rund 585.000 Beschäftigten in Deutschland profitieren von Lohnerhöhungen und einem neu geschaffenen Fonds zur Beschäftigungssicherung. Die Einigung zwischen der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und dem Bundesarbeitgeberverband der Chemischen Industrie (BAVC) wurde nach zweitägigen Verhandlungen in Bad Breisig, Rheinland-Pfalz, erzielt.
Lohnsteigerungen in zwei Stufen
Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 27 Monaten bis Ende Mai 2028. Die Löhne und Gehälter steigen in zwei Stufen: ab Januar 2027 um 2,1 Prozent und ab Januar 2028 um weitere 2,4 Prozent. Bis Dezember dieses Jahres bleiben die Entgelte auf dem aktuellen Niveau. Unternehmen, die nicht wesentlich von der Branchenkrise betroffen sind, können eine oder beide Erhöhungsstufen um drei Monate vorziehen.
Neuer Fonds zur Beschäftigungssicherung
Ein besonderes Element der Einigung ist die Schaffung eines Beschäftigungssicherungsfonds. Die Unternehmen zahlen für 2026 und 2027 jeweils 300 Euro pro Mitarbeiter und Jahr in den bestehenden Demografiefonds der Branche ein, für Auszubildende sind es 150 Euro. Aus diesem Topf können künftig Projekte zur Standortsicherung, Umqualifizierung oder Arbeitszeitreduzierung finanziert werden. Die IG BCE bezeichnet dies als bundesweites Novum in einem großen Flächentarifvertrag.
Einigung spiegelt Branchenkrise wider
BAVC-Präsidentin Katja Scharpwinkel betonte, dass die Einigung die schwierige Lage der Chemieindustrie widerspiegele. "Die lange Laufzeit gibt den Unternehmen Planungssicherheit, und die Zahlungen beginnen erst 2027 zu krisengerechten Konditionen", erklärte Verhandlungsführer Matthias Bürk. Die Chemiebranche produziert aktuell 20 Prozent weniger als im Jahr 2018, muss aber deutlich höhere Tariflöhne zahlen.
IG-BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis wies darauf hin, dass die Arbeitnehmer für diesen Krisenabschluss bis an ihre Schmerzgrenze gegangen seien. Die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre und der Irankrieg hätten die Situation zusätzlich verschärft. Die Branche leidet unter teurer Energie, US-Zöllen, schwacher Konjunktur und Überkapazitäten am Weltmarkt.
Chemie in der Flaute, Pharma im Aufschwung
Die Chemie- und Pharmabranche ist mit einem Umsatz von rund 220 Milliarden Euro im Jahr 2025 die drittgrößte Industriebranche Deutschlands. Während die Pharmaindustrie wächst, steckt die Chemie seit Langem in einer tiefen Krise. Chemiekonzerne wie BASF, Evonik, Dow Chemical und Wacker Chemie haben bereits Sparmaßnahmen und Stellenabbau angekündigt. BASF-Chef Markus Kamieth spricht von der "schwierigsten Zeit seit 25 Jahren" für die Chemieindustrie.
Tradition der friedlichen Einigungen
Bemerkenswert ist, dass es in der Chemieindustrie erneut gelungen ist, ohne Arbeitskämpfe zu einer Einigung zu kommen. Der letzte Streik in der Branche liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück – er fand im Jahr 1971 statt. Dieser Tarifabschluss ist die erste größere Einigung in der deutschen Industrie in diesem Jahr und steht im Kontrast zu den aktuellen Streiks im Verkehrssektor.
Für den öffentlichen Dienst der Länder hat Ver.di bereits einen Abschluss über 27 Monate erreicht, der 5,8 Prozent mehr Geld bringt. Im Herbst stehen nun die Tarifverhandlungen der IG Metall für die Metall- und Elektroindustrie mit rund 3,8 Millionen Beschäftigten an.



