Die Wirtschaftskrise hat für Unternehmen in Westeuropa schwerwiegende Folgen – und für viele auch existenzielle. Laut der Wirtschaftsauskunftei Creditreform stieg die Zahl der Firmenpleiten im vergangenen Jahr auf den höchsten Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 2002. Im Jahr 2025 wurden demnach gut 197.610 Insolvenzen gezählt, ein Plus von 4,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Es war der vierte Anstieg in Folge.
Strukturelle Krise belastet Unternehmen
„Die Krise ist nicht nur konjunkturell, sie ist strukturell. Ein schwacher Welthandel und geopolitische Risiken setzen Europas Unternehmen zu“, sagte der Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, Patrik-Ludwig Hantzsch. Zugleich lähmten hohe Energiepreise und Bürokratie die Wettbewerbsfähigkeit vieler Betriebe, vor allem im Vergleich mit den USA und China. „Diese doppelte Belastung frisst sich tief in die Substanz vieler Betriebe.“ Für dieses Jahr wird eine weitere Zunahme der Fälle erwartet.
Insolvenzniveau über Finanzkrise-Niveau
Das Insolvenzniveau in Westeuropa liegt Hantzsch zufolge höher als nach der Finanzkrise 2008/2009. In den vergangenen Jahren stiegen die Zahlen deutlich an. Zuletzt schwächte sich die Dynamik etwas ab, die Situation bleibt den Experten zufolge aber auf hohem Niveau. Im vergangenen Jahr hat die Zahl der Firmenpleiten in den meisten westeuropäischen Ländern zugenommen. Besonders stark fiel der Zuwachs in der Schweiz aus mit plus 35,3 Prozent. Laut Creditreform geht dies in erster Linie auf eine Gesetzesänderung zu Jahresbeginn 2025 zurück. Die Vollstreckung öffentlich-rechtlicher Forderungen sei verschärft worden, wodurch die faktische Hürde für Konkurse sinke.
Deutschland verzeichnet überdurchschnittlichen Anstieg
Ein überdurchschnittlich hoher Anstieg der Insolvenzen wurde 2025 auch in Griechenland (+24,4 Prozent), Finnland (+12,1 Prozent) und Deutschland (+8,8 Prozent) verzeichnet. Hierzulande wurden gut 24.000 Fälle gezählt – der höchste Stand seit 2014. In sechs Ländern wurde zuletzt hingegen ein Rückgang registriert – darunter die Niederlande, Irland und Norwegen. „Europa entwickelt sich zunehmend auseinander, und die wirtschaftliche Schwäche der zentralen Industrieländer wirkt als Belastungsfaktor für den gesamten Kontinent“, sagte Hantzsch.
Unterschiedliche Dynamik in den Wirtschaftsbereichen
Die Zahlen sind nach Angaben von Creditreform allerdings nur bedingt vergleichbar. Das Insolvenzrecht der Länder unterscheidet sich teils erheblich, Unternehmensaufgaben können nicht überall über formale Insolvenzverfahren abgewickelt werden. Zudem gebe es vielfach mehrere und voneinander abweichende Statistiken zum Unternehmensbestand. Die Insolvenzen entwickelten sich in den Hauptwirtschaftsbereichen zuletzt unterschiedlich dynamisch. Bei Dienstleistern (+8,7 Prozent) und im verarbeitenden Gewerbe (+3,6 Prozent) fiel der Anstieg der Fälle stärker aus als im Handel und Gastgewerbe (+3 Prozent) und im Bau (+0,1 Prozent).
Krise erfasst auch konsumnahe Branchen
Die Krise beschränke sich längst nicht mehr auf die Industrie, sagte Experte Hantzsch. Eine schwache Konsumneigung und anhaltender Preisdruck träfen vor allem konsumnahe Branchen. Die meisten Firmenpleiten entfielen 2025 mit einem Anteil von gut 43 Prozent erneut auf den Dienstleistungssektor.



