Völkerfreundschaft: Wie das DDR-Traumschiff die Sehnsucht nach dem Westen stillte
Völkerfreundschaft: DDR-Traumschiff erfüllte West-Sehnsucht

Völkerfreundschaft: Das erste Kreuzfahrtschiff der DDR

Im Januar 1960 erklingt zum letzten Mal die schwedische Nationalhymne an Bord der 'Stockholm'. Das Passagierschiff, das knapp ein Jahrzehnt zwischen Schweden und den USA verkehrte, war bereits durch eine spektakuläre Kollision mit der 'Andrea Doria' im Jahr 1956 berühmt geworden. Nun steht eine historische Transformation bevor: Nach dem Einholen der schwedischen Flagge spielt die Bordkapelle 'Auferstanden aus Ruinen', die Nationalhymne der DDR. Hammer, Zirkel und Ährenkranz werden gehisst, und der neue Name wird freigegeben – 'Völkerfreundschaft' soll das erste Kreuzfahrtschiff der Deutschen Demokratischen Republik heißen.

Ein Prestigeobjekt für den Arbeiter- und Bauernstaat

Die DDR-Führung war schon länger überzeugt, dass der sozialistische Staat dringend ein Urlauberschiff benötigte. Nach dem Arbeiteraufstand von 1953 wollte man den Werktätigen etwas Besonderes bieten. Ursprünglich plante die DDR den Bau von fünf Passagierschiffen, doch da dies zu lange gedauert hätte, übernahm man kurzerhand die 'Stockholm'. Das 160 Meter lange Schiff mit Platz für 560 Passagiere kostete die devisenarme DDR stolze 17,5 Millionen West-Mark.

Am 24. Februar 1960 brach die 'Völkerfreundschaft' zu ihrer Jungfernfahrt von Rostock ins Mittelmeer auf, mit Zwischenstopps auf Rhodos und in Piräus. Die Medien berichteten stolz über das erste volkseigene Kreuzfahrtschiff, und in der gesamten DDR herrschte große Vorfreude auf dieses maritime Abenteuer.

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Fernweh und politische Kontrolle

Die 'Völkerfreundschaft' weckte bei vielen DDR-Bürgern ungeahntes Fernweh. Kaum jemand träumte nicht davon, einmal an Bord zu gehen. Doch die begehrten Plätze waren streng reglementiert: Die Reisen wurden von der Einheitsgewerkschaft FDGB vergeben und waren ausschließlich 'verdienten Werktätigen' vorbehalten. Wer nicht loyal zum sozialistischen System stand, hatte keine Chance auf einen Platz auf dem Sonnendeck.

Die Betriebe meldeten ihre Vorschläge an den FDGB, wobei sie den Hauptteil der Reisekosten übernehmen sollten. Für eine 14-tägige Kreuzfahrt mussten die ausgewählten Werktätigen selbst nur 250 Mark bezahlen – die tatsächlichen Kosten pro Person lagen jedoch viermal so hoch. Viele kleinere Betriebe konnten sich diese Differenz nicht leisten, sodass die Plätze oft nur vergeben wurden, wenn die Beschäftigten die Kosten komplett selbst trugen.

Wirtschaftliche Probleme und technische Pannen

Schon bald offenbarten sich die wirtschaftlichen Probleme des sozialistischen Ferienprojekts. Die teuren Reisen ließen sich nur schwer vermarkten, und von Anfang an waren die Schiffe nicht rentabel. Als 1961 das zweite DDR-Kreuzfahrtschiff, die 'Fritz Heckert', in Dienst gestellt wurde, verschlimmerten sich die Probleme nur noch. Wegen technischer Mängel erwies sich das einzige in der DDR gebaute Ferienschiff als echtes Millionengrab.

Probleme mit Antrieb und Stabilität führten dazu, dass die 'Fritz Heckert' bereits 1970 wieder außer Dienst gestellt werden musste. Der ursprüngliche Plan, noch vier weitere Schiffe zu bauen, wurde aufgegeben – nicht nur wegen der technischen Schwierigkeiten, sondern auch wegen sinkender Nachfrage.

Stasi-Überwachung und Fluchtangst

Mit dem Mauerbau 1961 veränderte sich die Situation dramatisch. Die DDR-Führung hatte große Angst vor fluchtwilligen Bürgern und dünnte die Reiseziele massiv aus. Statt nach Athen oder Casablanca ging es nun nach Murmansk oder Sotschi. Die Begeisterung der Passagiere hielt sich spürbar in Grenzen.

Nur die Fahrten nach Kuba entsprachen noch dem Traum vieler DDR-Bürger von einer exotischen Fernreise. Die Überwachung durch Stasi und Polizei wurde deutlich verschärft. Männliche Urlauber unter 25 Jahren wurden von den Kreuzfahrten sogar komplett ausgeschlossen, da die Fluchtgefahr bei jungen Männern als besonders hoch eingeschätzt wurde.

Besonders heikel waren die Passagen vor Fehmarn und durch den Bosporus während der Reisen ins Schwarze Meer. An diesen küstennahen Abschnitten standen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit an Deck, um Republikfluchten zu verhindern. Alle Strecken wurden daraufhin überprüft, wie nah sie den Küsten kapitalistischer Länder kamen.

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Die Meuterei auf der Völkerfreundschaft

Im Juli 1964 sollte eigentlich eine Reise durch die norwegischen Fjorde nach Murmansk führen. Doch die SED-Bezirksleitung in Rostock änderte die Route kurzfristig – sie sollte nun vor der Küste Norwegens verlaufen, um zu große Nähe zum kapitalistischen Ausland zu vermeiden.

Als die bereits an Bord befindlichen Passagiere davon erfuhren, kam es gewissermaßen zur Meuterei auf der 'Völkerfreundschaft'. Die Urlauber weigerten sich, die Reise anzutreten, da die Fjordpassage das absolute Highlight der Tour war. Alle Beschwichtigungsversuche von Reiseleitung und Besatzung blieben erfolglos. Schließlich musste der Politoffizier des Schiffs die Ost-Berliner Führung informieren.

Letztlich gab Walter Ulbricht persönlich die Order, die Reise wie ursprünglich geplant durchzuführen. Um die Wogen endgültig zu glätten, wurden zusätzlich 10.000 Ost-Mark locker gemacht, die unter den Passagieren verteilt und an den Bars des Schiffs umgesetzt wurden.

Niedergang und Verfall

Die Reduzierung der Reiseziele, die Einschränkungen bei der Passagierauswahl und Preiserhöhungen ließen das Interesse an Urlauben auf der 'Völkerfreundschaft' rapide sinken. Vor allem Reisen in der Nebensaison wurden zu Ladenhütern. 1969 waren nur noch 25 Prozent der Reisenden DDR-Bürger.

Um die Schiffe auszulasten, mussten sie gegen Devisen an das kapitalistische Ausland verchartert werden. So machten an Bord der ehemaligen 'Stockholm' nun auch wieder Gäste aus Schweden Urlaub. Doch dies deckte nur einen Teil der Unterhaltskosten – jährlich musste die DDR zehn Millionen Mark aus dem Staatshaushalt für den Betrieb der Schiffe aufbringen.

Vom Traumschiff zum Schrott

Anfang 1985 wurde die 'Völkerfreundschaft' außer Dienst gestellt und nach Norwegen verkauft, wo sie zunächst als Asylbewerberunterkunft diente. 1992 erfolgte der Umbau zu einem modernen Kreuzfahrtschiff. In den folgenden Jahren wechselte das Schiff mehrfach den Besitzer und Namen – von 'Athena' über 'Azores' bis hin zur 'Astoria'.

2016 wurde die 'Astoria' für Kreuzfahrten im Mittelmeer und Nordeuropa eingesetzt und diente sogar als Drehort für die ProSieben-Show 'Germany's Next Topmodel'. Doch mit Beginn der Corona-Pandemie 2020 fanden keine Kreuzfahrten mehr statt. Das Schiff lag bis 2021 im Hafen von Rotterdam, bevor es von einer amerikanischen Gesellschaft gekauft wurde.

Bei einer Auktion im Jahr 2025 wurde die einstige 'Völkerfreundschaft' schließlich für nur 200.000 Euro an eine Recyclingfirma in Gent verkauft. Nachdem das Schiff bei einem Sturm schwer beschädigt worden war, blieb nur noch die Verschrottung. Etwa zwölf Tonnen Eisen, andere Metalle, Holz, Glas und Kunststoffe wurden recycelt – das traurige Ende eines einstigen sozialistischen Traumschiffs, das für viele DDR-Bürger die Sehnsucht nach der weiten Welt symbolisierte.