Lufthansa-Jubiläum im Schatten von Streiks: Merz feiert, während Piloten und Flugbegleiter protestieren
Lufthansa-Jubiläum: Feiern im Streikschatten

Lufthansa feiert 100 Jahre – draußen tobt der Arbeitskampf

Im nagelneuen Besucherzentrum „Hangar One“ in Frankfurt am Main herrschte am Mittwoch Feierstimmung, während direkt vor den Türen die Realität des Arbeitskampfes tobte. Die Deutsche Lufthansa AG beging ihr 100-jähriges Jubiläum mit Bundeskanzler Friedrich Merz als Ehrengast, gleichzeitig legten streikende Piloten und Flugbegleiter den Flugbetrieb an deutschen Drehkreuzen lahm. Die Gegensätze konnten kaum größer sein: Drinnen historische Uniformen und polierte Flugzeuge, draußen Proteste für bessere Tarifbedingungen.

Merz lobt strategische Bedeutung der Lufthansa

Bundeskanzler Friedrich Merz, selbst bekennender Flugbegeisterter, würdigte in seiner Rede die besondere Rolle des Unternehmens. „Die Lufthansa hat das Bild von Deutschland stärker geprägt als jedes andere Unternehmen“, betonte der Kanzler. Er versprach, dass sich die Bundesregierung dafür einsetzen werde, Deutschland als wichtigen Luftverkehrsstandort zu erhalten. „Weniger Fliegen ist keine Option für den Wirtschaftsstandort Deutschland“, so Merz. Dafür seien nachhaltige, klimaschonende Technologien ebenso notwendig wie niedrige Kosten und höhere Wettbewerbsfähigkeit.

Merz dankte Lufthansa-Chef Carsten Spohr ausdrücklich dafür, dass sich das Unternehmen erstmals vollständig zu seiner Rolle im Nationalsozialismus bekannt habe. Die erste Lufthansa hatte am 6. April 1926 ihren kommerziellen Erstflug von Berlin nach Zürich absolviert. Die staatlich stark gestützte Gesellschaft war an der verdeckten Aufrüstung des NS-Staates beteiligt und setzte zehntausende Zwangsarbeiter ein. Nach dem Untergang im Zweiten Weltkrieg wurde die Airline 1955 neu gegründet, wobei Spohr die maßgebliche Unterstützung der USA beim Neustart hervorhob.

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Streikwellen erschüttern den Konzern

Während der Festakt im Inneren stattfand, blieben die Proteste der Beschäftigten nicht unbeachtet. Der scheidende Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley kritisierte die streikenden Gewerkschaften scharf: „Selbstbezogenheit ersetzt Sozialpartnerschaft“. Er forderte Merz auf, das deutsche Streikrecht zu reformieren, da Arbeitgeber nach aktueller Rechtslage zum Zuschauen verurteilt seien. Die Waffengleichheit gehöre der Vergangenheit an.

Doch auch die demonstrierenden Mitarbeiter identifizieren sich stark mit ihrem Arbeitgeber. „100 Jahre Lufthansa, da sind ganz viele fleißige Menschen dahinter, und die wollen gesehen und wertgeschätzt werden – und das ist seit Jahren leider nicht mehr der Fall“, erklärt Yvonne, eine Flugbegleiterin auf dem Demonstrationszug. Der Ufo-Tarifexperte Harry Jaeger bekräftigt: „Wir würden lieber 100 Jahre Lufthansa feiern. Nicht nur die Gewerkschaften, sondern insbesondere die Menschen, die wir vertreten, brennen für Lufthansa“.

Tarifkonflikt festgefahren

Im festgefahrenen Tarifkonflikt geht es um die Arbeitsbedingungen für rund 20.000 Flugbegleiter im Manteltarifvertrag sowie um einen Sozialplan bei der Regionalgesellschaft Lufthansa Cityline, die vor der Schließung steht. Die Gewerkschaft Ufo hatte die Flugbegleiter für zwei Tage zum Streik aufgerufen, nahtlos gefolgt von den Piloten der Vereinigung Cockpit (VC), die zuvor bereits für zwei Tage den Flugverkehr lahmgelegt hatten.

Trotz der Feierlichkeiten erschüttert die heftigste Streikwelle seit Jahren den MDax-Konzern, der nur noch ein Viertel seiner Umsätze in Deutschland erwirtschaftet. An den Drehkreuzen München und Frankfurt fielen erneut Hunderte Flüge aus, Zehntausende Passagiere erreichten ihr Ziel nicht wie geplant. Lufthansa-Chef Carsten Spohr gab zwar an, dass in der gesamten Lufthansa-Gruppe 75 Prozent der geplanten Flüge stattfanden, doch an deutschen Flughäfen ging nur sehr wenig.

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Schlichtungsversuche scheitern

Ein nur wenige Stunden zuvor vorgeschlagener Schlichtungsversuch wurde von der Pilotengewerkschaft VC schnell für gescheitert erklärt. Die VC kritisierte, die Lufthansa strebe „offenbar kein faires Schlichtungsverfahren“ an und habe umfassende Forderungen zur Bedingung gemacht. Die Airline erklärte hingegen, dass das Ziel einer Schlichtung ausschließlich die Befriedung sämtlicher Konflikte sein könne, was mit der VC nicht möglich gewesen sei. Dennoch kündigte Lufthansa an, erneut auf die Gewerkschaft zugehen zu wollen.

VC-Präsident Andreas Pinheiro schloss weitere Streiks nicht aus: „Wer ein solches Angebot ausschlägt und darüber hinaus auch keinerlei verhandlungsfähige Angebote macht, nimmt zumindest in Kauf, dass sich Tarifauseinandersetzungen weiter zuspitzen“. Damit steht fest: Während Lufthansa ihr Jubiläum feiert, ist kein Ende des Arbeitskampfes in Sicht. Die nächsten Streiktage am Donnerstag und Freitag drohen bereits, was die Situation für Passagiere und Unternehmen weiter verschärfen wird.