Der nächste Winter kommt bestimmt, aber ohne Wiedewald in Güstrow. In der Pferdemarktstraße neigt sich eine Ära dem Ende zu: Das Traditionsgeschäft schließt zum 1. Mai für immer. Während draußen bereits sommerliche Temperaturen herrschen, finden nur noch wenige Kunden den Weg in das fast leere Geschäft. Handschuhe und Pudelmützen sind kaum gefragt, wenn die Menschen lieber Eis essen. Dabei handelt es sich um Markenware, die um 70 Prozent reduziert ist. Nur noch wenige Ladenhüter sind übrig.
Wenig Sentimentalität: Die Zeiten ändern sich
Der große Abverkauf fand in den Wochen zuvor statt. Das Lager ist komplett leer. „Die Kunden haben sich gefreut, so gute Qualitätsware zum Schnäppchenpreis zu bekommen, ob Taschen, Reisegepäck, Geldbörsen, Bekleidung. Und zugleich waren viele sehr traurig“, erzählt Stefanie Wiedewald-Minich. „Einige haben sich damit ein letztes Andenken mitgenommen.“ Denn in diesen Tagen geht eine Ära zu Ende: Das Modehaus schließt zum 1. Mai. Für immer.
Wehmut ist verständlich: Immerhin bestand das Familienunternehmen in fünf Generationen mehr als 150 Jahre. Das Geschäft war wie eine Metapher für die „gute alte Zeit“: Manufaktur-Hüte und handgefertigte Pelze gab es hier. Die Firma hat alle möglichen Zeiten und Gesellschaftsformen überdauert und ausgestanden: Von zwei Weltkriegen über die Kollektivierung in der DDR wieder hin zum Privatgeschäft, das sich auch an ein drastisch verändertes Konsumverhalten angepasst hat, ohne sein Gesicht zu verlieren. Mit der jetzigen Krise des Einzelhandels hat es aber auch so ein Traditionshaus schwer. Wenngleich Auslöser für die Schließung das Renteneintrittsalter des Inhabers Wilfried Minich war, hebt Stefanie Wiedewald-Minich den privaten Grund dafür hervor.
Noch kein neues Geschäft in Aussicht?
„Die Zeiten ändern sich. So ist eben der Lauf der Dinge.“ Stefanie Wiedewald-Minich, Familienmitglied und zugleich Angestellte, zeigt angesichts dieser traditionsreichen Geschichte unerwartet wenig Sentimentalität. Eher nimmt sie den nun echohaften Hall wahr, der im nahezu leeren Verkaufsraum mitschwingt, wenn man spricht. „In letzter Zeit haben wir viel sortiert und Ordnung gemacht“, spricht Stefanie Wiedewald-Minich davon, dass im Grunde nun alles getan sei. Jetzt könne ein neuer Laden hier eröffnet werden. Ob der neue Besitzer des Hauses und der Vermieter bereits jemanden gefunden haben, wisse sie allerdings nicht.
Die gelernte Kürschnerin stammt aus der letzten Generation, die das Geschäft die vergangenen 20 Jahre geführt hat. Sie war es auch, die das „W“ entworfen hat, das als Markenzeichen für „Wiedewald“ in goldfarbigen Lettern auf dunkelbraunem Grund Teppichmuster, Verpackungen sowie Kassenschale ziert und im Design ein wenig an ein Wiener Kaffeehaus erinnert.
Stefanie Wiedewald-Minich blickt sogar optimistisch voraus. Dass viele im Internet kaufen, sieht sie als nicht so problematisch an. Eine Herausforderung sei eher, dass vor allem junge Leute Masse statt Klasse kaufen würden. „Ich glaube aber, dass der Handel im Wandel ist und dass sich Qualität wieder durchsetzen wird“, spricht sie beispielsweise an, dass immer mehr Menschen etwa auf gute Sachen aus Second Hand setzen und bewusster und nachhaltiger einkaufen würden. „Ich denke, der Markt wird sich regulieren“, sagt die Verkäuferin.
Die Stadtverwaltung dankt dem Modehaus „für 150 Jahre Wirken in Güstrow und wünscht für die Zukunft alles Gute.“ Es sei „nachvollziehbar und legitim, dass ein traditionsreiches Familienunternehmen nach vielen Jahren Tätigkeit aus persönlichen Gründen schließt“, hieß es aus dem Rathaus. Zugleich würde man sich wünschen, dass an dieser Stelle bald wieder ein neues Geschäft eröffnet. Die Stadt bietet dahingehend Unterstützung an. „Interessenten, die ein Geschäft eröffnen möchten, können sich gern an die Abteilung Stadtmarketing der Barlachstadt wenden“, hieß es.



