Münchner Bildungsforscherin warnt vor Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche
In Deutschland wird aktuell intensiv über ein mögliches Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche diskutiert. Während Länder wie Australien bereits entsprechende Maßnahmen ergriffen haben und andere Staaten nachziehen wollen, äußert sich eine Münchner Bildungsforscherin kritisch zu solchen Plänen. Ihre Skepsis betrifft nicht nur die Wirkungslosigkeit von Verboten, sondern auch die fehlende Einbeziehung der Betroffenen und die Vorbildfunktion Erwachsener.
Verbot greift zu kurz und ignoriert zugrundeliegende Probleme
Nicole Pötter, Professorin für Grundlagen der Sozialen Arbeit mit Schwerpunkt Bildungsfragen an der Hochschule München, erklärt im Interview: "Die Diskussion greift zu kurz, weil nicht nach den dahinter liegenden Problemen gefragt wird." Ein Handyverbot sei schnell ausgesprochen oder gesetzlich geregelt, doch die eigentlichen Ursachen für exzessive Mediennutzung würden dabei nicht adressiert.
Die Bildungsforscherin betont, dass Schulen bereits über Regelungen verfügen und diese bisher ausreichend gewesen seien. Verbote könnten sogar kontraproduktiv wirken, da sie das Verbotene attraktiver machen könnten. Besonders problematisch sei, dass Kinder und Jugendliche bei diesen Entscheidungen nicht einbezogen würden.
Medienkompetenz statt Verbote: Einbeziehung der Jugendlichen gefordert
Pötter plädiert für einen anderen Ansatz: "Wenn man an den Schulen ein Problem erkennt, weil zum Beispiel die Jugendlichen auf dem Pausenhof zu viel Zeit mit dem Handy verbringen, dann sollte man besser einen Prozess starten, in dem man mit den Jugendlichen darüber diskutiert, ob es Alternativen gibt." Dieser partizipative Ansatz würde gleichzeitig den Erwerb von Medienkompetenz fördern und Eltern mit einbeziehen.
Die Professorin weist darauf hin, dass die meisten Jugendlichen kein Problem mit Social Media hätten. Die durchschnittliche Handynutzung von vier Stunden täglich bei Zwölf- bis 19-Jährigen umfasse auch harmlose Aktivitäten wie Musikhören, Radio oder Podcasts. Nicht jede Handynutzung sei automatisch problematisch oder suchterzeugend.
Ursachenforschung statt Symptombekämpfung
Pötter kritisiert, dass in der aktuellen Debatte zu wenig über die eigentlichen Probleme gesprochen werde. "Wie jeder Mensch brauchen auch Kinder und Jugendliche Anerkennung, und sie müssen ein Selbstwertgefühl entwickeln." Normalerweise geschehe dies durch Peer-Gruppen, Familien und schulische Erfolge. Bei manchen Jugendlichen finde diese Anerkennung jedoch vermehrt in Social Media statt, wo Algorithmen das Belohnungssystem ansprechen und pathologische Verhaltensweisen begünstigen könnten.
Statt Social-Media-Verbote zu fordern, sollte laut der Bildungsforscherin über die Gründe gesprochen werden, warum es jungen Menschen heute nicht so gut gehe. Viele stünden unter starker mentaler und psychischer Belastung. Anstelle von mehr Schulsozialarbeit und therapeutischen Angeboten versuche man jedoch, Symptome in Form extensiver Social-Media-Nutzung zu bekämpfen.
Vorbildfunktion der Erwachsenen und elterliche Verantwortung
Ein weiteres Problem sieht Pötter in der Vorbildfunktion Erwachsener: "Gleichzeitig sind aber alle Erwachsenen auch ständig am Handy und in den Sozialen Medien. Die erwachsenen Vorbilder außerhalb der Schule geben also etwas ganz anderes vor." Dieses widersprüchliche Verhalten erschwere eine sinnvolle Medienerziehung.
Für Eltern empfiehlt die Expertin, bewusst handyfreie Zeiten in der Familie zu schaffen, insbesondere beim gemeinsamen Essen. So könne der Austausch gefördert und bemerkt werden, wenn es dem Kind nicht gut gehe. Eltern sollten Hilfe suchen, wenn sie das Gefühl haben, nicht mehr an ihr Kind heranzukommen.
Gruppenzwang und die Illusion einfacher Lösungen
Interessanterweise gibt es laut Pötter auch innerhalb der betroffenen Altersgruppe Forderungen nach Verboten. Dies sei nachvollziehbar, da Peer-Groups einen Druck ausüben könnten, unbedingt dabei sein zu müssen. "Ein Verbot enthebt von diesem Druck", erklärt die Forscherin. Doch wenn die Betreffenden dann 18 Jahre alt seien, sollten sie plötzlich Medienkompetenz zeigen und der Angst, nicht dabei zu sein, standhalten können – eine unrealistische Erwartung.
Die Münchner Bildungsforscherin resümiert: Statt über Verbote zu diskutieren, sollten Schulen gemeinsam mit Jugendlichen Prozesse anstoßen, die mehr Mitbestimmung und Partizipation zulassen. Nur so könne nachhaltige Medienkompetenz entwickelt werden, die über das bloße Verbot bestimmter Plattformen hinausgeht.



