Brandbrief aus Brandenburg: Zwei Lehrer kämpfen gegen Rechtsruck an Schulen
Die Lehrer Laura Nickel und Max Teske wurden 2023 mit dem Preis für Zivilcourage gegen Antisemitismus, Rechtsradikalismus und Rassismus ausgezeichnet. Ihre Geschichte zeigt den täglichen Kampf gegen rechte Ideologien im Klassenzimmer.
Das Schweigen brechen
Die Schule in Burg im Spreewald steht beispielhaft für ein Problem an vielen deutschen Bildungseinrichtungen. Die beiden Pädagogen erlebten jahrelang, wie rechte Symbole und Gedanken Einzug hielten. Hakenkreuze an den Wänden, rassistische Sprüche im Klassenraum, der Hitlergruß als sogenannter dummer Jungenstreich abgetan.
Im April 2023 gingen sie mit einem Brandbrief an die Öffentlichkeit und schilderten die Vorfälle. Bundesweit wurde über ihre Schule berichtet. Während sie von einigen als Nestbeschmutzer bezeichnet wurden, sehen andere in ihnen mutige Vorbilder im Kampf gegen Rechtsextremismus.
Die Normalität des Rechtsrucks
In ihrem Buch Rechtsruck im Klassenzimmer. Wie neurechte Ideologien die Schulen durchsetzen und unsere Kinder bedrohen beschreiben Nickel und Teske, was zur traurigen Normalität geworden war. Es ist normal, dass an dem Ort, an dem junge Menschen lernen sollen, ein Strichmännchen mit erhobenem Arm neben einem eingeritzten Hakenkreuz steht, schreiben sie. Jeder wisse es: Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Schulleitungen.
Die schmerzhafte Erkenntnis: Wahrscheinlich haben es auch Eltern gesehen, wenn sie nach langen Elternabenden die Klassenzimmer verließen. Und doch: Es interessiert kaum jemanden. Max Teske betonte 2024: Wenn Lehrkräfte einen Hitlergruß als dummen Jungenstreich abtun, haben die an einer Schule nichts zu suchen.
Der Preis des Mutes
Nach ihrem öffentlichen Hilferuf folgten massive Anfeindungen aus der rechten Szene. In Burg – nur 20 Kilometer von Cottbus entfernt, mitten in einer AfD-Hochburg – klebten plötzlich Sticker mit ihren Gesichtern und der Aufschrift: Verpisst euch nach Berlin. Die beiden Lehrer rechneten mit Übergriffen und fühlten sich an der Schule zu wenig unterstützt. Sie verließen Burg, doch der Kampf war mit dem Zivilcourage-Preis 2023 nicht vorbei.
Kein Einzelfall in Deutschland
Die Schule im Spreewald steht nicht allein da. Rechtsextreme und antisemitische Vorfälle an Schulen sind längst keine Randerscheinung mehr. Die offiziellen Zahlen verdeutlichen das Ausmaß:
- In Brandenburg wurden im Schuljahr 2024/2025 insgesamt 537 Vorfälle gemeldet, im Jahr zuvor waren es 783.
- Sachsen meldete 2025 einen Höchststand von 245 Fällen.
Allerdings kann die Erfassung von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sein. Beispiele aus anderen Regionen zeigen die Allgegenwart:
- In Rathenow im Havelland erschien eine Schülerin mit einem T-Shirt, auf dem stand Sonnenstudio 88 – Auch ohne Sonne braun. Die Zahl 88 steht bei Rechtsextremisten für Heil Hitler – H ist der achte Buchstabe im Alphabet.
- Aus Spremberg in der Lausitz kam 2025 ein weiterer Hilferuf. Die Bürgermeisterin beklagte in einem offenen Brief, dass sich Gedankengut der rechtsextremen Szene zunehmend bemerkbar mache. Vor Schulen warb eine rechtsextreme Partei mit Flyern.
Der Weg nach vorne
Fast drei Jahre nach ihrem öffentlichen Hilferuf haben Nickel und Teske ein Buch geschrieben. Es ist mehr als eine Anklageschrift. Die Brandenburger Pädagogen wollen aufzeigen, wie Bildungseinrichtungen reagieren können, schildern Projekte aus verschiedenen Bundesländern. Sie sprechen über die Gefahren rechter Ideologien in sozialen Medien und fordern eine Stärkung der politischen Bildung.
Ihre wichtigste Botschaft: Sich vernetzen, Verbündete suchen. Mit anderen Engagierten gründeten sie das Bündnis Schule für mehr Demokratie. Wir glauben fest daran, dass eine Veränderung möglich ist. Aber nur, wenn wir uns alle trauen, Haltung zu zeigen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, schreiben die beiden. Aufgeben ist für sie keine Option. Der Kampf geht weiter.



