Welt-Geschwistertag: Wissenschaftliche Fakten hinter den hartnäckigen Geschwister-Klischees
Geschwister-Klischees auf dem Prüfstand der Wissenschaft

Welt-Geschwistertag: Die längste Beziehung des Lebens unter der wissenschaftlichen Lupe

Zum Welt-Geschwistertag an diesem Freitag rücken die komplexen Beziehungen zwischen Geschwistern in den Fokus. Für viele Menschen stellen Geschwisterbeziehungen die längste Verbindung ihres Lebens dar – geprägt von Liebe, Konflikten und oft auch gemeinsamer Verantwortung bei der Pflege der Eltern. Zahlreiche Klischees ranken sich um Einzelkinder, Sandwichkinder und Geschlechterpräferenzen. Doch was sagt die Wissenschaft wirklich zu diesen hartnäckigen Vorurteilen?

Das Klischee vom egoistischen Einzelkind

Die Vorsitzende des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, Inés Brock-Harder, erklärt: „Selbstverständlich hat es einen psychologischen und Entwicklungseinfluss, ob ein Kind alleine mit seinen Eltern aufwächst.“ Studien zur Ein-Kind-Politik in China hätten gezeigt, dass Einzelkinder tatsächlich einen höheren Egozentrismus und geringere soziale Kompetenzen aufweisen könnten. Durch fehlenden Geschwisterumgang seien Fähigkeiten wie Teilen und Kooperation weniger ausgeprägt, zudem wurde eine geringere Frustrationstoleranz ermittelt.

Doch diese Einschätzung ist nicht unumstritten. Die Persönlichkeitspsychologin Julia Rohrer von der Universität Leipzig widerspricht: „Wenn überhaupt, finden Studien oft nur kleine Unterschiede, etwa im prosozialen Verhalten.“ Teilweise zeigten Einzelkinder in manchen Untersuchungen sogar ein weniger egoistisches Verhalten als Kinder mit Geschwistern.

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Geschlechterpräferenzen: Vom Wunschkind zur Enttäuschung

Die Geburtenrate lag 2024 laut Statistischem Bundesamt bei 1,35 Kindern pro Frau – zwei Prozent niedriger als im Vorjahr. Bei dieser geringen Kinderzahl steigen die Erwartungen an die Elternschaft und das Kind selbst. Anna-Lena Zietlow, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Technischen Universität Dresden, erklärt: „Man will das Allerbeste für sein Kind. Dieses muss aber auch gut ins Leben passen – überspitzt formuliert.“

Während früher Generationen männliche Nachkommen für die Hofübernahme bevorzugten, deuten aktuelle Studien auf eine Präferenz für Mädchen in westlichen Kulturen hin. Mädchen gelten als angepasster, fürsorglicher und fleißiger, während Jungen stereotyp als wilder, gewaltbereiter und schulisch schwächer wahrgenommen werden.

Unter dem Hashtag „Gender Disappointment“ finden sich zahlreiche Videos enttäuschter Eltern, deren Baby nicht das gewünschte Geschlecht hat – besonders häufig bei der Geburt eines Jungen. In Internet-Foren berichten Frauen regelmäßig von ihrem ursprünglichen Wunsch nach einem Mädchen und ihren Schwierigkeiten, diesen nicht erfüllt zu sehen.

Sandwichkinder: Die harmonischen Vermittler?

Laut Geschwistertherapeutin Brock-Harder zeigen aktuelle Studien, dass Ehrlichkeit und Bescheidenheit bei Sandwichkindern – also Kindern mit mindestens einem älteren und einem jüngeren Geschwister – häufiger auftreten. Diese Kinder gelten als besonders verträglich und schneiden bei kooperativen Eigenschaften unter Geschwistern am besten ab.

Persönlichkeitspsychologin Rohrer relativiert jedoch: „Auch für Sandwichkinder finden sich in der Literatur keine dramatischen Persönlichkeitsunterschiede.“ Eine neuere Studie unterstütze lediglich die These, dass mittlere Kinder eine etwas höhere Verträglichkeit aufweisen als Letztgeborene – und diese wiederum etwas verträglicher seien als Erstgeborene.

Das sensible Thema der elterlichen Bevorzugung

Viele Eltern haben tatsächlich favorisierte Kinder, wie ein Forscherduo im Fachblatt „Psychological Bulletin“ berichtete. Generell erhalten Mädchen sowie besonders pflichtbewusste und umgängliche Kinder den Vorzug. Überraschenderweise bevorzugen nicht nur Mütter, sondern auch Väter tendenziell Mädchen eher als Jungen.

Hauptautor Alexander Jensen von der Brigham Young University betont, dass Eltern sich dieser subtilen Bevorzugung bewusst sein sollten, auch wenn die Effekte nur leicht ausgeprägt sind.

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Demografische Entwicklungen: Weniger Geschwister, größere Abstände

Steigende Lebenshaltungskosten und wirtschaftliche Sorgen beeinflussen die Entscheidung für Kinderzahl maßgeblich. Laut Statistischem Bundesamt lebten 2024 insgesamt rund 3,2 Millionen Kinder und Jugendliche (23,1 Prozent) ohne Geschwister in einem Haushalt – ein Rückgang um etwa 5 Prozent gegenüber 2014.

Die aktuelle Verteilung zeigt:

  • 47,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen leben mit genau einem Geschwister
  • 29,6 Prozent haben mindestens zwei Geschwister
  • Der durchschnittliche Altersabstand zwischen Geschwistern beträgt etwa drei Jahre

Der Median des Geburtenabstands zwischen erstem und zweitem Kind derselben Mutter lag 2024 bei 3,1 Jahren. Bei weiteren Geschwistern vergrößert sich dieser Abstand leicht. Diese demografischen Veränderungen beeinflussen nachhaltig die Geschwisterdynamiken und Familienstrukturen in Deutschland.