Collien Fernandes und Gisèle Pelicot: Zwei Frauen brechen das Schweigen über sexuelle Gewalt
Fernandes und Pelicot: Zwei Frauen brechen das Schweigen

Zwei mutige Frauen konfrontieren die Gesellschaft mit unbequemen Wahrheiten

Die Geschichten von Collien Fernandes (44) und Gisèle Pelicot (73) könnten unterschiedlicher nicht sein, doch sie verbindet ein gemeinsames Schicksal: Beide wurden zu Opfern sexueller Gewalt, beide traten bewusst aus ihrer passiven Rolle heraus, um etwas zu verändern – juristisch und gesellschaftlich. Während Pelicot international zur Ikone wurde, war Fernandes am Freitag Top-1-News in der Tagesschau.

Der Vertraute wird zum Feind im intimsten Raum

Beide Frauen haben nicht selbst gewählt, Hauptfigur in einem Missbrauchsfall zu sein. Männer haben es ihnen angetan – im echten Leben und virtuell. Im Fall Fernandes soll ihr damaliger Ehemann, Christian Ulmen, fünf Tage nach Erscheinen eines Artikels über Pelicot am 1. Weihnachtsfeiertag 2024 gestanden haben, Autor der abartigen Fake-Pornos von ihr gewesen zu sein, die über Jahre im Netz verbreitet wurden. Fernandes benannte den für sie wahren Täter nun öffentlich: ihren mittlerweile Ex-Ehemann.

Die Taten sind nicht identisch, aber der Ort des Schreckens ist derselbe: der intimste Raum. Die Beziehung. Das Zuhause. Der Mensch, der angeblich dein Lebensmensch ist, wird plötzlich zum Feind in deinem Bett. Nicht der Fremde dringt ein, sondern der Vertraute verrät dich auf katastrophalste und perfideste Weise.

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Strukturelle Probleme werden sichtbar

Beide Fälle legen strukturelle Probleme unserer Gesellschaft frei: Nicht jeder Mann ist ein Täter. Aber jeder Täter ist ein Mann. Ein ganz normaler Mann. Dein Kollege, dein Gärtner, dein Versicherungsmakler, dein Nachbar, dein Angehöriger. Es ist eben nicht das Monster aus der dunklen Gasse oder der Nerd am PC im Keller. Dieses Normale macht solche Fälle so unerträglich.

Eine Gesellschaft, die Frauenverachtung ständig als Ironie tarnt, die Schenkeltatscher für Schenkelklopfer hält und mit einem „der meint’s doch nicht so“ relativiert, schafft ein Klima, in dem männliche Grenzüberschreitung harmloser wirkt, als sie ist. Wir haben uns daran gewöhnt, Frauenkörper als Pointe zu betrachten. Ihre Würde: Material für den nächsten Hammer-Witz.

Täter tarnen sich im Durchschnittlichen

Genau hier soll sich Christian Ulmen getarnt haben: der zauberhaft Vertrottelte mit Welpencharme, in den wir uns 2009 in „Maria, ihm schmeckt's nicht“ verliebt haben. Den wir danach über Jahre als witzig, intelligent, provokant, subversiv kennenlernten. Einer, dessen Grenzüberschreitungen lange als bewusster Tabubruch und kalkulierter Humor verkauft wurden.

Wir wollen Täter noch immer als Ausnahmefiguren erkennen. Aber oft sind sie gerade deshalb so gefährlich, weil sie so herrlich durchschnittlich sind. Wer das nach Pelicot und nach den öffentlich gewordenen Vorwürfen im Fall Ulmen-Fernandes noch immer nicht versteht, der will es auch nicht verstehen.

Die Scham muss die Seite wechseln – diese Botschaft tragen beide Frauen mit erhobenem Haupt in die Öffentlichkeit. Nach all den Jahren des gesellschaftlichen Unter-den-Teppich-Kehrens ist die Wahrheit über sexuelle Gewalt nun an die Oberfläche gespült worden. Von zwei unfassbar mutigen Frauen, die nicht länger schweigen wollen.

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