Gleichstellung in MV: Neues Rahmenprogramm gegen Geschlechterklischees vorgestellt
In Schwerin haben Gleichstellungsministerin Jacqueline Bernhardt (Linke) und die neue Gleichstellungsbeauftragte Monique Tannhäuser das lang erwartete Gleichstellungspolitische Rahmenprogramm für Mecklenburg-Vorpommern präsentiert. Nach dreieinhalb Jahren Vorbereitungszeit liegt nun ein umfassender Plan vor, der konkrete Handlungsfelder und 113 Maßnahmen zur Überwindung von Geschlechterstereotypen und zur Förderung der Chancengleichheit definiert.
Alltägliche Diskriminierung als Ausgangspunkt
Das Programm nimmt alltägliche Situationen in den Blick, in denen Geschlechterklischees noch immer wirksam sind: Ein Junge, dem wegen Tränen gesagt wird, er solle sich „nicht wie ein Mädchen“ benehmen. Eine Frau, deren Argumente mit dem abwertenden Hinweis auf ihre Menstruation abgetan werden. Oder ein Mann, dem die Elternzeit als „Frauensache“ ausgelegt wird. Diese Beispiele verdeutlichen, wo Gleichstellung in der Praxis noch scheitert und wo das neue Rahmenprogramm ansetzen will.
„Wir fangen nicht bei null an“, betonte Ministerin Bernhardt und verwies auf bestehende Errungenschaften wie das verlässliche Hilfesystem für gewaltbetroffene Frauen, die kostenfreie Kita und die einzigartige geschlechterparitätische Besetzung der Landesregierung. Dennoch bleibe viel zu tun, nicht zuletzt aufgrund des Verfassungsauftrags in Artikel 13 der Landesverfassung. „Gleichstellung muss als Wert in allen gesellschaftlichen Prozessen mitgedacht und integriert durchgesetzt werden“, so Bernhardt.
Ehrliche Bestandsaufnahme zeigt Handlungsbedarf
Das 114-seitige Dokument, das unter fokus-gleichstellung.de abrufbar ist, bietet eine detaillierte Analyse der aktuellen Situation. Die Zahlen offenbaren deutliche Ungleichheiten:
- In MINT-Fächern sind Frauen stark unterrepräsentiert: Nur 25,5 Prozent der Physik- oder Astronomiestudierenden, 22,0 Prozent in der Informatik und lediglich 16,6 Prozent in den Ingenieurwissenschaften sind weiblich.
- Im Berufsleben arbeiten 50,1 Prozent der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen in Teilzeit – bei Männern liegt diese Quote bei nur zwölf Prozent. Diese Teilzeitfalle beeinträchtigt sowohl Altersabsicherung als auch Aufstiegschancen.
- Nur 37 Prozent aller Betriebe haben Frauen in der Leitung, und lediglich 32 Prozent aller Führungskräfte in MV sind weiblich. Im öffentlichen Dienst sieht es mit 39,1 Prozent Frauenanteil in Abteilungsleitungen etwas besser aus.
- Weitere Defizite zeigen sich bei Hochschulprofessuren (28,1 Prozent Frauen), Selbstständigkeit (34,9 Prozent) und beim Elterngeldbezug (nur 25,2 Prozent Väter).
113 Maßnahmen für mehr Chancengleichheit
Das Rahmenprogramm sieht konkrete Schritte vor, um diesen Missständen entgegenzuwirken. Neben abstrakteren Ansätzen wie der Prüfung von Teilzeit-Führungsmodellen oder der Sensibilisierung für gleichstellungsorientierte Unternehmenskultur enthält es auch sehr praktische Maßnahmen:
- Systematische Verknüpfung von Girls’Day und Boys’Day mit der beruflichen Orientierung im Schulcurriculum.
- Fortführung von Mentoringprogrammen in der Justiz und speziellen Führungskräfteschulungen für Frauen in der Landesverwaltung.
- Maßnahmen gegen „Angsträume“ insbesondere in städtischen Gebieten.
- Evaluierung kommunaler Rufbusangebote hinsichtlich geschlechterspezifischer Bedürfnisse.
Gleichstellungsbeauftragte Monique Tannhäuser betonte, dass die 131 festgeschriebenen Maßnahmen „nicht abschließend“ seien. Das Programm solle als lebendes Dokument kontinuierlich weiterentwickelt und an aktuelle Bedarfe angepasst werden. Damit setzt Mecklenburg-Vorpommern ein deutliches Zeichen für die Überwindung veralteter Rollenbilder und für eine Gesellschaft, in der Kinder tatsächlich frei von Geschlechterklischees aufwachsen können.



