Sexarbeit in Rostock: Der stille Kampf um Anerkennung und Rechte
Hinter verschlossenen Türen vollzieht sich in Rostock ein Alltag, der für viele unsichtbar bleibt: Sexarbeit. Doch die Frauen, die in diesem Bereich tätig sind, erheben ihre Stimmen und fordern lautstark gleiche Arbeitsrechte und ein Ende der Stigmatisierung. Zwei Protagonistinnen, Mia und Jiyan, stehen exemplarisch für diesen Kampf, der sich gegen das geltende Prostituiertenschutzgesetz richtet.
Unsichtbar im System: Steuerzahlerinnen ohne Rechte
Mia und Jiyan beschreiben sich selbst als „unsichtbar“ in der klassischen Arbeitswelt, obwohl sie wie andere Bürgerinnen Steuern zahlen. Ihr Anliegen ist klar: Sie wollen Gleichberechtigung, die in ihrem Fall vor allem gleiche Arbeitsrechte bedeutet. Nur so können prekäre Lebens- und Arbeitsverhältnisse angezeigt, aufgearbeitet und selbstbestimmt verändert werden. „Wir müssen aufhören mit der Stigmatisierung und dem Blaming von Menschen in der Sexarbeit sowie Freiern, um endlich über Arbeitsrechte reden zu können und ins Sozialsystem integriert zu werden“, erklären sie.
Die Demonstration zum Feministischen Kampftag: Eine körperlose Stimme
Anlässlich des „Feministischen Kampftags“ am 8. März traten Mia und Jiyan öffentlich in Erscheinung – jedoch nicht persönlich, sondern über Lautsprecher. Aus Angst vor Repression hielten sie sich im Hintergrund, während ihre Redebeiträge übertragen wurden. Das Mikrofon lag symbolisch auf dem Asphalt, während ihre Frage durch die Luft hallte: „Wenn auch nur 10.000 Frauen in Deutschland die Möglichkeit haben, sich in diesem System zu emanzipieren, sind sie es dann nicht wert, unterstützt zu werden?“
Gegen Klischees: Die Realität der Sexarbeit in Rostock
Mia und Jiyan wehren sich vehement gegen gängige Klischees, die Sexarbeitende pauschal als „Junkies“ oder als Teil eines „dreckigen Milieus“ darstellen. Mia, eine weiße Frau aus deutscher Mittelschicht mit schwierigem familiären Hintergrund, fand in der Sexarbeit finanzielle Unabhängigkeit und konnte ihr Studium abschließen. Jiyan, die patriarchale Gewalt und Armut erlebte und aus einer kurdischen Gastarbeiter-Familie stammt, entdeckte die Sexarbeit als Möglichkeit, künstlerische Ausbildung und Therapien zu finanzieren. „Und fuck, die Zeit zum Arbeiten und Trauern an alldem“, resümiert sie ihre Erfahrungen.
Die Beratungsstelle SeLA: Ein Leuchtturm in Mecklenburg-Vorpommern
Nadine Herrmann und Sandra Kamitz leiten die Beratungsstelle SeLA (Selbstbestimmt Leben und Arbeiten) in Rostock, die einzige ihrer Art in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Seit 2014 setzen sie sich mit zwei Teilzeitstellen für die Verbesserung der Situation von Menschen in der Sexarbeit ein. Sie schätzen, dass allein in Rostock etwa 250 Personen in diesem Bereich tätig sind, vorwiegend in der Wohnungsprostitution, die in knapp 40 Modellwohnungen in fast allen Stadtteilen stattfindet – besonders häufig in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt.
Das Prostituiertenschutzgesetz: Fluch oder Segen?
Seit 2017 regelt das Prostituiertenschutzgesetz die Sexarbeit in Deutschland. Es verpflichtet zur offiziellen Anmeldung und zum Mitführen eines sogenannten „Huren-Ausweises“ mit Foto und Klardaten. Während manche darin einen Schritt zu mehr Sicherheit sehen, kritisieren andere wie Mia und Jiyan das Gesetz als institutionelle Verbriefung von Stigmata. Sandra Kamitz von SeLA betont, dass der Einstieg in die Prostitution oft aus prekären Lebensbedingungen erfolgt, wobei Menschenhandel nur einen geringen Anteil ausmacht.
Forderungen nach Veränderung: Von Grauzonen zu klaren Rechten
Mia und Jiyan argumentieren, dass Sexarbeit nicht in Schwarz-Weiß-Denke passt, sondern unzählige Grauzonen zwischen Zwang und Selbstverwirklichung aufweist. Ihr Wunsch ist simpel und doch revolutionär: „Vielleicht können wir irgendwann sehen, dass Sexarbeit einfach Arbeit ist.“ Derzeit sind die Arbeitsrechte von Sexarbeitenden durch Sonderregelungen stark eingeschränkt, was vielen den Zugang zu ausreichender Sozialversicherung verwehrt. Eine Änderung dieses Zustands ist für sie eine Frage der Gleichberechtigung – nicht von Sonderrechten, sondern von gleichen Rechten für alle.



