Überparteilicher Kampf für Mütter im Parlament
Drei Frauen aus unterschiedlichen politischen Lagern haben bewiesen, dass parteiübergreifende Allianzen in der Politik möglich sind. Die ehemalige Linken-Chefin Katja Kipping (48), Ex-Familienministerin Kristina Schröder (48, CDU) und Grünen-Chefin Franziska Brantner (46) setzten 2017 gemeinsam durch, dass im Bundestag neben dem Plenarsaal ein Spielzimmer eingerichtet wurde. Dieser Raum ermöglicht es Abgeordneten, ihre Babys betreuen zu lassen und dort auch zu stillen.
Auslöser: Statistik über "faule" Abgeordnete
Den Anstoß für diese ungewöhnliche Zusammenarbeit gab eine Online-Erhebung. Kristina Schröder erinnert sich: "Das war direkt nach meinem zweiten Mutterschutz. Da bin ich in einer Statistik aufgetaucht unter den angeblich faulsten Abgeordneten, weil ich in den Wochen um die Geburt namentliche Abstimmungen verpasst hatte." Ähnliche Erfahrungen machten ihre Kolleginnen: Kippings Tochter war bereits geboren, während Brantner mit ihrer dreijährigen Tochter neu in Berlin war und sie nicht jeden Abend spontan abgeben konnte.
Sofort sei klar gewesen, dass die Parteifarbe keine Rolle spiele, betont Schröder. "Hier geht es darum, dass wir als Abgeordnete, als Frauen, die nach acht Wochen wieder voll einsteigen müssen, in einer besonderen Situation sind. Da haben wir alle ähnliche Probleme und Interessen."
Parlament ohne Elternzeit
Katja Kipping weist darauf hin: "Wir sind als Abgeordnete in vieler Hinsicht privilegiert – was unsere Finanzen anbelangt, was die Unterstützung durch Mitarbeitende anbelangt –, aber auch für uns hat der Tag nur 24 Stunden. Das Parlament hat nicht vorgesehen, dass es aktive Eltern mit kleinen Kindern gibt." Dies sei auch ein Grund dafür, warum der Frauenanteil im Bundestag seit etwa drei Jahrzehnten bei rund einem Drittel stagniere. In der aktuellen 21. Wahlperiode sei er sogar auf nur noch 32,4 Prozent gesunken.
Franziska Brantner ergänzt: "Väter gab es ja schon immer." Die drei Politikerinnen begannen mit praktischen Veränderungen, die im Bundestag anders laufen müssten. Kipping betont: "Als Frau kann man schlecht sagen: 'Die nächsten acht Jahre ist das Kinderthema für mich ausgeschlossen'. Außerdem wäre dann auch überhaupt nicht die Perspektive von Menschen, die wissen, wie es ist, ein kleines Kind großzuziehen, in den politischen Entscheidungen drin."
Keine Entschuldigungen mehr für Kinder
Brantner bringt die gemeinsame Motivation auf den Punkt: "Wir hatten keine Lust mehr, uns dafür zu entschuldigen, dass wir Kinder haben. Für uns war klar: Wir sind gerne Mamas und wollen das auch als Abgeordnete weiter sein." Sie kam aus dem Europaparlament, wo es normal war, dass Abgeordnete ihre Kinder mitbrachten.
Noch heute existiert das Spielzimmer im Bundestag, und die drei Frauen stehen weiterhin in Kontakt, obwohl Kipping und Schröder sich aus der aktiven Politik zurückgezogen haben. Beim Wiedersehen umarmen sie sich und scherzen über ihre gemeinsame Initiative.
Herausforderungen des parlamentarischen Alltags
Schröder schildert die besonderen Schwierigkeiten: "Wenn man nach acht Wochen wieder einsteigt, hat man fast noch ein Neugeborenes, das meist noch gestillt wird. In dieser Situation pendelt man zwischen Wahlkreis und Berlin, das ist schon eine echte Herausforderung." Zwar könnten sich Abgeordnete Betreuung leisten, aber: "Einen drei Monate alten Säugling, den kann man unter Umständen gar nicht einer Nanny geben. Der ist vielleicht noch so mamafixiert, dass man da andere Lösungen finden muss."
Kipping erzählt von ihren Erfahrungen als Vorsitzende des Ausschusses für Arbeit und Soziales: "Ich hatte wirklich darauf hingearbeitet, dass wir einen Stillrhythmus von drei Stunden haben – und die Ausschusssitzung ging immer dreieinhalb Stunden." Während sie den Ausschuss leitete, wurde ihre Tochter betreut, aber: "Die letzte halbe Stunde, da ist Rabatz im Kinderwagen. Denn die Bedürfnisse einer Zweimonatigen passen nicht zusammen mit dem Rhythmus, den wir im Ausschuss hatten."
Stillen zwischen parlamentarischen Ritualen
Schröder berichtet von einer besonders schwierigen Situation: "Es gibt dieses Ritual im Haushaltsausschuss, die Bereinigungssitzung, wo die Minister vorgeladen werden, bis nach Mitternacht. Da habe ich noch voll gestillt – und es ist einfach ein Riesenproblem, wenn man zwei, drei Stunden nicht stillen kann. Nicht nur für die Kleine, sondern auch für die Mutter."
Sie bereut heute, dass sie das Problem damals nicht angesprochen hat: "Ich finde heute: Das hätte ich ruhig tun können, sie hätte vermutlich Verständnis gehabt. Aber der Haushaltsausschuss ist sehr männlich dominiert – da hab' ich mir dann gedacht, die stellen sich das alle bildlich vor, und deswegen habe ich es irgendwie durchgestanden."
Vom Raucherzimmer zum Babyraum
Bei der Einrichtung des Spielzimmers ging es auch um praktische Details. Brantner erklärt: "Als es um das Spielzimmer ging, war klar: Wir brauchen auch einen Kühlschrank. Viele stillen ja noch länger und pumpen ab. Die Frage ist: Wo lässt man dann seine Milch? Sonst ist die schlecht bis abends."
Die humorvollste Episode erinnert Brantner: "Und das Lustigste war: Du (zu Schröder) hattest damals den Super-Einfall, als es hieß, es gebe leider keinen Raum. Da meintest du, es gebe ja noch das Raucherzimmer ..." Schröder bestätigt lachend: "War ich das, ja? Echt? Da war ich ja ganz subversiv unterwegs!"
Zuerst wurde den Frauen vorgeschlagen, auf der Besuchertribüne zu stillen, was sie ablehnten. Als es dann hieß, es gebe keinen anderen Raum, schlug Schröder vor, das Raucherzimmer zu nutzen. Brantner erinnert sich: "Und auf einmal hatten wir sehr schnell einen Raum." Schröder ergänzt schmunzelnd: "Stimmt: Plötzlich war der Raum der Bundestagsvizepräsidenten verfügbar."
Nachwirkungen und aktuelle Entwicklungen
Die Initiative der drei Politikerinnen hat bleibende Spuren hinterlassen. Im September 2025 war Hanna Steinmüller (32, Grüne) die erste Abgeordnete in der Geschichte des Bundestags, die eine Rede mit Baby vor dem Bauch hielt. Das Spielzimmer mit Stillbereich und Kühlschrank steht weiterhin zur Verfügung und symbolisiert einen wichtigen Schritt hin zu einer familienfreundlicheren Parlamentskultur.
Die überparteiliche Zusammenarbeit von Kipping, Schröder und Brantner zeigt, dass praktische Lösungen für die Vereinbarkeit von Familie und politischem Mandat möglich sind, wenn Frauen über ideologische Grenzen hinweg zusammenarbeiten. Ihr Erfolg bleibt ein wichtiges Signal für alle politisch engagierten Eltern.



