„Wir haben die Lehrer das Fürchten gelehrt“ – Zeitzeugen erinnern sich an Hagenow in der DDR
Wie war das Leben eigentlich in Hagenow während der DDR-Zeit? Drei Frauen, die hier aufgewachsen sind, teilen ihre persönlichen Erinnerungen an Kindheit, Jugend und Ausbildung. Gemeinsam mit dem Archivar und Ehrenbürger Kuno Karls blicken Kerstin Küchau, Dagmar Grunert und Margitta Rößler auf die 1970er und 1980er Jahre zurück, als Hagenow noch Kreisstadt des flächenmäßig größten Kreises der DDR war und knapp 10.000 Einwohner zählte.
Schulweg über Felder und der legendäre „Nackter Arsch“
„Eigentlich gab es hier alles, aber als ich zur Schule gekommen bin, musste ich noch über die Felder gehen“, erinnert sich Dagmar Grunert lebhaft. Sie wuchs im Wohngebiet „Neue Heimat“ an der Goethestraße auf, wo die Häuser ursprünglich in den 1930er Jahren für Familien von Soldaten des Fliegerhorstes am Sudenhof errichtet worden waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Sowjetarmee den Flugplatz, und die Wohnhäuser standen fortan der Allgemeinheit offen.
„Damals war die Goethestraße noch ein Sandweg und überall standen noch Scheunen“, erzählt Dagmar Grunert weiter. Ihr Schulweg führte sie und ihre Klassenkameradin Margitta Rößler nach der Einschulung 1969 auch an einer besonderen Gaststätte vorbei. „Ich glaube, die hieß offiziell gar nicht so, aber alle haben die Gaststätte ‚Nackter Arsch‘ genannt“, berichtet Margitta Rößler mit einem Schmunzeln.
Vom Barackenleben zum „echten Luxus“
Margitta Rößler selbst wuchs zunächst an der Gartenstraße in einer Holzbaracke auf. „Da hatte unsere Familie mit sechs Kindern nur zwei Räume“, erinnert sie sich. Mitte der 1970er Jahre zog die Familie dann in einen Steinbau um, der drei Zimmer und ein Bad im Haus bot. „Das war echter Luxus“, sagt sie heute. Viele Häuser in Hagenow verfügten zu dieser Zeit noch über ein Plumpsklo im Garten, das bis Ende der 1970er Jahre genutzt wurde.
Dies änderte sich mit dem Ausbau der Neuen Heimat in den 1970er Jahren und dem Bau des neuen Wohngebietes am Kietz, das Mitte der 1980er Jahre speziell für Angehörige der Nationalen Volksarmee errichtet wurde.
Stadtentwicklung und Schulwechsel
Die heutige Möllner Straße hieß damals noch „Moraaser Postweg“ und war von alten Bauernhäusern und Scheunen gesäumt. Diese wurden bis 1975 abgerissen, um Platz für moderne Wohnhäuser und einen neuen Schulkomplex zu schaffen. Die Polytechnische Oberschule 3 wurde am 1. September 1976 übergeben, gefolgt von einem großen Kindergarten und der Sporthalle Otto Ibs im Jahr 1978.
„Ich bin bis dahin in der Stadtschule am Mühlenteich gewesen, aber mit dem neuen Schulbau wurden die Schuleinzugsgebiete neu festgelegt und ich musste in die neue POS wechseln“, erinnert sich Kerstin Küchau. Sie war damals vor allem deswegen gegen diesen Schulwechsel, weil sie zur alten Schule von ihrem Zuhause an der Teichstraße einen viel kürzeren Schulweg hatte.
Schulstreiche und Pionieraktivitäten
Auch Dagmar Grunert musste die Schule wechseln und lernte in der neuen Schule Kerstin Küchau kennen. „Ich glaube, wir haben die Lehrer wirklich das Fürchten gelehrt“, sagt Kerstin Küchau heute mit einem Lachen. Die früheren Klassenkameradinnen erinnern sich bis heute daran, wie sie unter anderem die Milchflaschen, die damals jedes Schulkind bekam, mitten im Unterricht ausgewaschen und so den Unterricht lahmgelegt haben.
„Wir hatten immer Milchdienst und mussten die Flaschen austeilen und dann sauber wieder abgeben“, verteidigt Dagmar Grunert die Aktion. Insgesamt erinnern sich die drei Frauen gerne an ihre Kindheit in Hagenow, denn es gab für die Kinder viel zu tun. „Als Pioniere haben wir immer Altstoffe gesammelt, das hat Spaß gemacht“, erzählt Margitta Rößler.
Kulturelles Leben und berufliche Wege
Zudem habe es immer viele Veranstaltungen im Kreiskulturhaus, das 1974 gebaut worden war, und im Mecki gegeben, der heute wieder ein Veranstaltungsort ist. Die Frauen sprechen von Theateraufführungen, Disko und Partys. Das Kreiskulturhaus wurde 1998 abgerissen, heute steht an dieser Stelle das Sparkassengebäude.
Nach der Schulzeit blieben die drei Frauen zunächst in Hagenow und absolvierten hier ihre Ausbildungen. Kerstin Küchau lernte in der HO-Kaufhalle, Margitta Rößler in der Druckerei und Dagmar Grunert machte eine Lehre zum Facharbeiter für Fleisch. Später arbeiteten sie in Schwerin und anderswo, doch noch immer sind sie regelmäßig in ihrer Heimatstadt unterwegs und halten die Erinnerungen an die DDR-Zeit in Hagenow lebendig.



