Social Media und Jugendliche: Wie endloses Scrollen die Psyche beeinflusst
Schlafmangel, Selbstzweifel, Cybermobbing: Soziale Medien können besonders für junge Menschen zu einem ernsthaften Problem werden. Die Forschung beschäftigt sich intensiv mit den Auswirkungen der ständigen Online-Präsenz auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Aktuelle Studien liefern dabei aufschlussreiche Erkenntnisse über Risiken und Chancen der digitalen Welt.
Die tägliche Bildschirmzeit: Zahlen und Fakten
Die sogenannte JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest kam in ihrer jüngsten Erhebung zu einem deutlichen Ergebnis: 12- bis 19-Jährige verbringen durchschnittlich knapp vier Stunden täglich vor dem Smartphone-Bildschirm. Eine Untersuchung von DAK-Gesundheit und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf aus dem vergangenen Frühjahr zeigt für Jugendliche im Alter von 10 bis 17 Jahren an einem Wochentag eine durchschnittliche Nutzung sozialer Medien von etwa zweieinhalb Stunden.
Psychologische Auswirkungen der Social-Media-Nutzung
Die Psychologin Isabel Brandhorst von der Universität Tübingen erklärt, dass wissenschaftlich mittlerweile gut belegt ist, dass eine gesteigerte oder suchtartige Nutzung sozialer Medien mit verschiedenen Problemen einhergeht:
- Geringeres psychisches Wohlbefinden
- Vermehrte Schlafprobleme
- Häufigere Depressionen
- Erhöhtes Risiko für Essstörungen
- Mehr Selbstverletzungen
In der JIM-Studie berichten etwa 30 Prozent der Jugendlichen, morgens oft müde zu sein, weil sie nachts noch zu lange am Handy hängen. Eine niederländische Langzeitstudie aus dem Jahr 2021, veröffentlicht im Fachjournal „Communication Research“, ergab, dass 28 Prozent der befragten Jugendlichen eine Verschlechterung ihres Wohlbefindens durch Social-Media-Nutzung angaben.
Besonders gefährdete Gruppen
Der Entwicklungspsychologe Sven Lindberg von der Universität Paderborn weist darauf hin, dass die signifikanten Effekte eher klein sind und vor allem einzelne, besonders verletzliche Gruppen betreffen. Besonders betroffen seien Kinder und Jugendliche, die bereits andere Belastungen haben:
- Mädchen: Sie haben einen etwas höheren Hang zur Sucht und leiden besonders unter sozialen Vergleichen. Isabel Brandhorst betont: „Wenn ich unglücklich mit meinem Selbstbild bin, dann werde ich durch Social Media wahrscheinlich noch mal unglücklicher, weil ich mich eben vergleiche.“
- Mobbing-Opfer: Lindberg erklärt: „Cybermobbing über Social Media und Co. wirkt nochmal viel stärker, denn ich werde nicht nur auf dem Schulhof geärgert, sondern 24/7.“
- Jugendliche mit psychischen Vorerkrankungen: Wer bereits ängstlich ist oder eine depressive Störung hat, bei dem können Social-Media-Effekte verstärkt werden.
Wann wird die Nutzung problematisch?
Die Frage nach der kritischen Nutzungsdauer ist nicht einfach zu beantworten. Lindberg erklärt: „Die Studien zeigen, dass die reine Nutzungsdauer nicht das Problem ist. Es geht ganz, ganz viel darum, was gemacht wird.“ Als Daumenregel gilt: Je passiver die Nutzung ist – also nur scrollen, scrollen, scrollen – desto negativer sind die Auswirkungen.
Der Untersuchung von DAK-Gesundheit und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf von 2025 zufolge nutzt etwa jeder vierte Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren soziale Medien auf eine als problematisch eingestufte Weise, knapp fünf Prozent gelten als abhängig. Dies stellt zwar einen leichten Rückgang gegenüber dem Vorjahr dar, liegt aber immer noch deutlich über dem Niveau von vor der Corona-Pandemie.
Die Perspektive der Jugendlichen
In der JIM-Studie zeigten sich die befragten Jugendlichen durchaus selbstkritisch: Die Mehrheit (68 Prozent) stimmte voll oder weitgehend der Aussage zu, häufig mehr Zeit am Handy zu verbringen als ursprünglich geplant. Ähnlich viele genießen es, Zeit ohne Handy und Internet zu verbringen. Brandhorst betont jedoch: „Es erfordert sehr viel Reflexionsfähigkeit und Selbstkontrolle, und das bringen ganz viele Jugendliche halt nicht mit.“
Positive Aspekte und Chancen
Trotz der Risiken sehen Experten auch positive Effekte sozialer Medien. Brandhorst nennt mehrere Vorteile:
- Jugendliche können Identitäten erproben
- Gleichgesinnte finden
- Austausch über möglicherweise schambesetzte Themen
Lindberg betont zudem einen wichtigen Punkt: „Der allergrößte Teil der Jugendlichen zeigt kein problematisches Verhalten. In der Debatte kann der Eindruck entstehen, als beträfe das die Mehrheit – tatsächlich zeigt der Großteil kein klinisch relevantes Problemverhalten; betroffen ist eher eine Minderheit.“
Die Forschung zeigt somit ein differenziertes Bild: Während soziale Medien für einige Jugendliche ernsthafte Risiken bergen, nutzt die Mehrheit sie ohne klinisch relevante Probleme. Entscheidend ist dabei nicht nur die reine Nutzungsdauer, sondern vor allem die Art der Nutzung und die individuelle Vulnerabilität der Nutzer.



