Abi mit 0,7: Student kämpft gegen Hasskommentare im Netz
Abi mit 0,7: Student kämpft gegen Hass im Netz

Ein Abitur mit einem Notendurchschnitt von 0,7 ist eine herausragende Leistung, die normalerweise nur Glückwünsche hervorruft. Doch im Internet gelten andere Regeln. Diese Erfahrung musste Dalyan Unland aus dem Osnabrücker Land machen. Der heute 20-Jährige, der in Leipzig Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaften studiert, erhielt nach Bekanntwerden seines Abi-Schnitts zahlreiche Hasskommentare mit rassistischen oder sexistischen Inhalten.

Die Welle des Hasses

Alles ging sehr schnell, erinnert sich Unland. Eine kurze Notiz auf einem Instagram-Account mit acht Millionen Followern verbreitete sich rasant in Deutschland. „Ich bin aufgewacht und hatte das in meinen Direktnachrichten, weil Freunde es mir bereits gesendet hatten“, erzählt er. Die große Mehrheit der Kommentare sei zwar freundlich gewesen, aber es gab auch unfreundliche und hasserfüllte Beiträge. Einige bezogen sich auf seinen Familienhintergrund. Seine Mutter hatte im Radio erwähnt, dass sie Tochter türkischer Migranten sei.

Daraufhin folgten rassistische Kommentare wie „Und so etwas mit so einem Namen“ bis hin zu „Ausländer bleibt Ausländer, sofort abschieben!“. In einem anderen Kommentar wurde behauptet, er sei illegal über die Landesgrenzen gekommen und gehöre nicht in dieses Land. Für Unland, der zuvor noch nie rassistisch beleidigt wurde, war dies eine völlig neue und überraschende Erfahrung. „Meine Person wurde auf einen Migrationshintergrund reduziert. Das ist faktisch total falsch. Meine Mutter ist auch schon in Deutschland geboren, genauso wie ich, insofern bin ich deutscher Staatsbürger in zweiter Generation“, stellt er klar.

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Juristische Schritte eingeleitet

Unland war zunächst perplex, verspürte aber bald Tatendrang. Ein Bekannter, Rechtsanwalt Thomas Pilling, bot ihm juristische Hilfe an. Gemeinsam suchten sie unter Hunderten Kommentaren fünf strafbare aus und zeigten sie bei der Staatsanwaltschaft an. Nur bei zwei davon konnten die Klarnamen ermittelt werden. In einem Fall sah die Staatsanwaltschaft einen ironischen oder sarkastischen Kommentar, der nicht verfolgt wurde. Im anderen Fall wurde ein Strafbefehl verhängt, der inzwischen rechtskräftig ist. Der Kommentar behauptete, Unland habe sein gutes Abi wegen sexueller Befriedigung seiner Lehrer erhalten.

Pilling zeigt sich unverständlich: „Der Urheber ist Anfang 40, hat eine gehobene Leitungsfunktion in einem Unternehmen und ist ukrainischer Staatsbürger. Und dann veröffentlicht er so etwas gegen einen 17-jährigen Jugendlichen auf einer Plattform mit acht Millionen Followern.“ Eine Entschuldigung hat Unland bislang nicht erhalten.

Hate Speech: Ein wachsendes Problem

Hasskommentare sind nicht nur in Deutschland ein Problem. Laut Eurostat nahmen im vergangenen Jahr 42 Prozent der Internetnutzer in der EU Hate Speech wahr, 2023 waren es noch 37 Prozent. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) legte einen Gesetzentwurf vor, um Betroffenen das Vorgehen gegen digitale Gewalt zu erleichtern. Eine Bitkom-Umfrage zeigt, dass rund ein Viertel der Befragten bereits digitale Gewalt erlebt hat, bei den 16- bis 29-Jährigen sind es 43 Prozent. 80 Prozent unterstützen eine konsequente Strafverfolgung.

In Niedersachsen gibt es seit 2020 bei der Staatsanwaltschaft Göttingen eine Zentralstelle gegen Hasskriminalität im Internet. Die Zahl der Anzeigen steigt stetig: Von Juli 2021 bis Juni 2022 waren es 1.136, im vergangenen Jahr 7.209. Nur 20 Prozent führen zu Anklagen oder Strafbefehlen, 30 Prozent werden an andere Staatsanwaltschaften abgegeben, und 45 Prozent werden eingestellt – entweder weil die Äußerung nicht strafbar ist oder kein Täter ermittelt werden kann.

Unlands Entschlossenheit

Im Fall Unland dauerte das Verfahren zwei Jahre. „Das ist eigentlich ein Kampf gegen Windmühlen“, sagt Pilling. Er will nun Schadensersatz fordern und eine Unterlassungserklärung anfordern. Unland lässt sich nicht entmutigen: „Mein Tatendrang hat sich noch weiter verfestigt.“ Er kann sich vorstellen, systematisch gegen Hate Speech vorzugehen, etwa durch ein eigenes Projekt oder die Zusammenarbeit mit Stiftungen. „Das Schlimmste ist, zu schweigen – dadurch würden Hasskommentare erst recht Wirkung entfalten“, betont er.

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