Magdeburger Amokfahrt-Prozess: Selfie vor der Katastrophe und die seelischen Wunden
Amokfahrt-Prozess: Selfie vor der Katastrophe und seelische Wunden

Magdeburger Amokfahrt-Prozess: Selfie vor der Katastrophe und die seelischen Wunden

Sechs Männer lächeln in eine Handykamera, Bratwürste in der Hand, vor einer Glühweinbude auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt. Dieses Selfie entstand am 20. Dezember 2024 – nur wenige Minuten, bevor ein Attentäter mit einem 340-PS-BMW in den Markt raste, sechs Menschen tötete und mehr als 300 verletzte. Die Männer, Geschäftspartner aus der IT-Branche mit Wurzeln in Indien und Europa, wollten ihren internationalen Kollegen einen typisch deutschen Weihnachtsmarkt zeigen. Dann kam das Auto angerast.

Geschäftspartner als Zeugen im Landgericht

445 Tage nach dem Attentat sitzt Jürgen Scholz (55) am 22. Verhandlungstag im Zeugenstand des Landgerichts Sachsen-Anhalt. Nur wenige Meter entfernt von ihm befindet sich der Angeklagte Taleb al-Abdulmohsen (51), abgeschirmt in einer Sicherheitsbox aus Glas und bewacht von vermummten Spezialbeamten. Scholz berichtet: „Wir wollten unseren Partnern aus Indien einen Weihnachtsmarkt zeigen. Sie waren begeistert. Wir waren alle bester Laune. Bis dieses Auto angerast kam.“ Während Scholz körperlich unverletzt blieb, sind seine seelischen Wunden tief. „Am schlimmsten waren die Schreie der Verletzten. Auch die der Kinder“, sagt er und kämpft im Gerichtssaal mit den Tränen.

Die physischen und psychischen Verletzungen

Ronny Pfaff (49), ein Geschäftsfreund von Scholz, hatte bereits an einem früheren Prozesstag geschildert: „Als ich den Wagen im Augenwinkel sah, dachte ich zuerst, es sei ein Schneepflug.“ Sekunden später flogen Menschen, Tische und Kinderwagen durch die Luft. Pfaff wurde durch herumfliegende Autoteile regelrecht skalpiert, 30 Klammern hielten später seine Kopfhaut zusammen. Rettungskräfte schrieben ihm mit Edding eine „33“ auf die Stirn – die Schwerstverletzten wurden nummeriert. Pfaff sagte im Prozess: „Ich wollte nie ein Opfer sein. Heute gestehe ich mir ein, dass ich eins bin.“

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Auch Jürgen Scholz tat sich lange schwer, seine seelischen Verletzungen anzuerkennen. „Ich habe mich nicht direkt als Opfer gefühlt. Man denkt: Das kriegst du schon hin. Man ist doch ein Mann“, erklärte er. Ein Psychologe habe ihm schließlich klargemacht: „Machen Sie sich nicht kleiner, als Sie sind. Sie sind traumatisiert.“ Bis heute wacht Scholz nachts auf. „Ich träume, wie das Auto von rechts kommt.“ Wenn er mit seinen Kindern unterwegs ist, lässt er sie nur noch auf der Innenseite gehen. Er sei schreckhafter geworden und „im Kopf nicht mehr so frei wie früher“.

Die Rolle des Gerichts und die Reaktion des Angeklagten

Während der Angeklagte regungslos hinter Panzerglas sitzt und sich nicht für das Leid der Opfer zu interessieren scheint, wendet sich der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg direkt an den Zeugen: „Ich wünsche Ihnen, dass Sie psychologische Unterstützung bekommen, die Ihnen hilft, das Erlebte zu verarbeiten.“ Für viele Nebenkläger wie Jürgen Scholz ist entscheidend, dass auch psychische Folgen juristisch anerkannt werden. Gleichzeitig hatte das Gericht angeregt, das Verfahren zu verschlanken, um schneller zu einem Urteil zu kommen.

Die zentrale Frage im Prozess lautet: Müssen seelische Schäden als eigenständige Straftaten gewertet werden, oder konzentriert sich das Gericht auf Mord, versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung? Für die Opfer wird das Attentat nicht mit dem Urteil enden. Nachts geht es weiter – in ihren Träumen und in Erinnerungen, die sich nicht abschalten lassen. Am Dienstag wird das Gericht weitere Zeugen anhören, während die Betroffenen weiterhin mit den Folgen des traumatischen Ereignisses kämpfen.

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