Crans-Montana: Zwei Monate nach Brandinferno - Trauer, Wut und offene Fragen bleiben
Crans-Montana: Zwei Monate nach Brandinferno - Trauer und Wut

Crans-Montana: Zwei Monate nach Brandinferno - Trauer, Wut und offene Fragen bleiben

Unsägliche Schmerzen, tiefe Trauer und zahlreiche offene Fragen bestimmen zwei Monate nach der verheerenden Brandkatastrophe in der Neujahrsnacht von Crans-Montana die Gemüter. Für Überlebende und Angehörige der 41 meist jungen Todesopfer ist nichts mehr, wie es vor der schicksalhaften Nacht war. Der Horror hat ihr Leben für immer verändert und hinterlässt neben physischen Narben auch tiefe seelische Wunden.

Die Opfer: Ein langer Weg der Genesung

Viele der ursprünglich 115 Verletzten kämpfen sich weiter mühsam ins Leben zurück. Am 23. Februar befanden sich noch fast 60 Personen in Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken, darunter 28 im Ausland - vier davon in Deutschland. Neben Schweizern sind vor allem Franzosen und Italiener betroffen. Die schwer verletzte Überlebende Mélanie Van de Velde beschreibt auf Facebook: "Mein Körper ist zu einem Schlachtfeld geworden. Es ist ein Leid, das kein Wort wirklich übersetzen kann, aber mein Körper wird niemals vergessen." Viele müssen sich wie Van de Velde immer wieder schmerzhaften Hauttransplantationen unterziehen.

Die Angehörigen: Zwischen Trauer und Wut

Familien leben im Ausnahmezustand. Leila Micheloud, deren zwei Töchter bei der Katastrophe verletzt wurden, berichtet in einer Fernsehdokumentation über den Gang ins Krankenhaus: "Ich fand meine Tochter vor, aber sie war nicht meine Tochter, es war ein verbrannter Körper." Neben der Trauer empfinden viele Angehörige tiefe Wut. Vor einer Vernehmung der Barbetreiber Jacques und Jessica Moretti haben sie die beiden vor dem Gebäude in Sitten bestürmt und beschimpft. Tobyas (14), dessen Bruder Trystan ums Leben kam, sagte dort: "Ich bin hier, um Jessica Moretti zu zeigen, dass sie Familien zerstört hat."

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Die Ermittlungen: Sicherheitsmängel und Verfahrenskritik

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Brandstiftung. Im Visier stehen die Morettis, bei denen es um folgende Fragen geht:

  • Waren Notausgänge richtig gekennzeichnet?
  • War die Verengung einer Fluchtweg-Treppe auf 1,37 Meter rechtens?
  • War der Schaumstoff an der Decke, der in Brand geriet, regelkonform?

Die Barbesitzer sind gegen Kaution auf freiem Fuß und beteuern über ihre Anwälte Nicola Meier, Yaël Hayat und Patrick Michod, sich nichts zuschulden kommen lassen zu haben. Die Anwälte kritisieren die Hetze gegen ihre Mandanten und verweisen auf Falschbehauptungen, die den Hass schüren würden.

Gleichzeitig ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den aktuellen und den ehemaligen Sicherheitsbeauftragten der Gemeinde, weil in der Bar seit 2019 keine der jährlich vorgeschriebenen Brandschutzkontrollen stattfanden. Auch Gemeindepräsident Nicolas Féroud steht in der Kritik, da er nicht erklären konnte, warum die Kontrollen unterblieben sind. Er wurde zum Buhmann, weil er sich nicht öffentlich bei den Opfern entschuldigte.

Verfahrensverzögerungen und internationale Verstimmungen

Den 50 Anwälten, die rund 130 Opfer und Angehörige vertreten, kommen die Ermittlungen viel zu langsam voran. Sie werfen Oberstaatsanwältin Beatrice Pilloud vor, Beweise nicht gesichert und Jacques Moretti zu spät festgenommen zu haben. Die Freilassung von Moretti gegen Kaution empörte Italien derart, dass das Land seinen Botschafter aus der Schweiz abzog. Inzwischen hat Pilloud italienischen Behörden direkte Zusammenarbeit zugesichert.

Ein Rechtsanwalt verlangt aufgrund der Versäumnisse, die Staatsanwältinnen von dem Fall abzuziehen. Darüber muss nun das Kantonsgericht entscheiden. Pilloud verteidigt ihre zurückhaltende Informationspolitik mit den Worten: "Das Verfahren findet im Sitzungssaal statt, nicht in den Medien."

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Die "Walliserei": Netzwerke und möglicher Filz

Besondere Aufmerksamkeit erfährt das soziale Geflecht im Kanton Wallis. Die Barbesitzer waren mit den meisten Amtsträgern in Crans-Montana auf Du und Du - ein übliches Phänomen in kleinen Gemeinden, wo praktisch jeder jeden kennt und viele über Vereine oder Parteizugehörigkeit vernetzt sind. Anwälte sehen darin eine erhöhte Gefahr von Filz, für den es im Wallis sogar einen spöttischen Begriff gibt: die "Walliserei".

Zwei Beispiele verdeutlichen diese Verflechtungen:

  1. Oberstaatsanwältin Beatrice Pilloud und Gemeindepräsident Nicolas Féroud sind in derselben Partei und derselben Weinbruderschaft "Orden der Kanne" aktiv, in der sich Würdenträger aus Gesellschaft und Politik zum zwanglosen Austausch treffen.
  2. Der ehemalige Datenschutzbeauftragte des Kantons will auf die fehlende Datensicherheit bei der Feuerwehr-Software hingewiesen haben - heute vertritt er als Anwalt Opferfamilien.

Nach Medienberichten hatte ein IT-Fachmann, der die Feuerwehr-Software im Kanton betreute, Vorgesetzte erpresst, die ihn entlassen wollten. Er wurde 2023 festgenommen. Weil die Software erneuert werden musste, gingen Daten verloren und Kontrollen wurden vernachlässigt.

Zwei Monate nach der Tragödie bleibt die Stimmung in Crans-Montana und darüber hinaus angespannt. Während die Opfer um ihre Gesundheit kämpfen und Angehörige um ihre Toten trauern, warten alle auf Antworten - und auf Gerechtigkeit.