Ex-RAF-Terroristin kehrt nach Neubrandenburg zurück: Lesung mit bewegender Autobiografie
Ex-RAF-Terroristin kehrt nach Neubrandenburg zurück (02.03.2026)

Ex-RAF-Terroristin kehrt nach Neubrandenburg zurück: Lesung mit bewegender Autobiografie

Silke Maier-Witt ist die einzige ehemalige RAF-Terroristin, die ihre Vergangenheit umfassend und selbstkritisch aufgearbeitet hat. Nun kehrt sie an einen besonderen Ort zurück: Neubrandenburg, wo sie von 1987 bis 1990 unter dem Decknamen Sylvia Beyer lebte. Hier stellt sie ihre Autobiografie vor und blickt auf ein Leben zwischen Terror, Stasi-Schutz und persönlicher Wandlung.

Die letzte Station eines geheimen Lebens

Neubrandenburg war für Silke Maier-Witt mehr als nur ein Zufluchtsort. Die Vier-Tore-Stadt im Norden Mecklenburg-Vorpommerns markierte das Ende ihrer geheimen Existenz in der DDR. Unter tatkräftiger Mithilfe des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) tauchte sie Anfang der 1980er-Jahre in der DDR unter, gemeinsam mit anderen RAF-Aussteigern wie Henning Beer. Ironischerweise lebten beide von Oktober 1987 bis Juni 1990 in derselben Stadt, ohne voneinander zu wissen.

Die Stasi gab den Aussteigern neue Identitäten: Maier-Witt wurde zur alleinstehenden Sylvia Beyer, angeblich 1948 in Moskau geboren, während Beer unter dem Namen Dieter Lenz lebte. Sie arbeitete beim Arzneimittelproduzenten Pharma Neubrandenburg und wohnte in einem Neubaublock in der Oststadt – eine Wohnung, die die Stais trotz der damaligen Wohnungsknappheit besorgte und damit für Diskussionen unter den Nachbarn sorgte.

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Ein Leben zwischen Anpassung und Emanzipation

In Neubrandenburg fand Silke Maier-Witt nicht nur Schutz, sondern auch eine neue Perspektive. Sie engagierte sich in der Hausgemeinschaft, trainierte in der Pharma-Laufgruppe und nahm an Wettkämpfen teil. 1987/88 beantragte sie sogar die Aufnahme in die SED, was bei ihren Stasi-Betreuern auf Kritik stieß. In einem internen Bericht wurde ihre „übertriebene Eigenprofilierung“ moniert.

Renate P., eine Lauffreundin aus jener Zeit, erinnert sich gut an die „Sylvie“ von damals. „Ich bin in dem Jahr aus der Partei ausgetreten, als Sylvie eingetreten ist“, sagt sie. Maier-Witt nahm zudem ein Fernstudium in „Informations- und Dokumentationswissenschaft“ in Ilmenau auf und schuf sich so eine neue berufliche Zukunft.

Das Ende der Tarnung und die Festnahme

Mit der Friedlichen Revolution 1989/90 änderte sich alles. Plötzlich hingen westdeutsche RAF-Fahndungsplakate auch in ostdeutschen Volkspolizei-Ämtern. Am 18. Juni 1990 wurden sowohl Silke Maier-Witt als auch Henning Beer in Neubrandenburg festgenommen. Für Freunde wie Renate P. war die Enthüllung ein Schock: „Konnte ich es einfach nicht glauben“, als sie ihre Lauffreundin in der Tagesschau als gesuchte Terroristin erkannte.

Während ihrer fünfjährigen Haftzeit hielten Neubrandenburger Freunde wie Maren und Günter Kettner, Kollegen bei Pharma, den Kontakt aufrecht. In Briefen reflektierte Maier-Witt den Einigungsprozess und bezeichnete sich selbst als „Ost-West-Bürgerin“.

Die Aufarbeitung und das Schweigen der anderen

Ein großer Unterschied zu anderen Ex-RAF-Mitgliedern ist Maier-Witts Bereitschaft zur Aufarbeitung. Während Henning Beer bis heute schweigt und sogar mit rechtlichen Konsequenzen droht, falls sein neuer Name veröffentlicht wird, hat sich Maier-Witt bei Opfern wie Jörg Schleyer, Sohn des ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, entschuldigt.

Für ihre Autobiografie versuchte sie, mit ehemaligen RAF-Mitstreitern wie Brigitte Mohnhaupt ins Gespräch zu kommen, blitzte jedoch ab. Ihr Co-Autor André Groenewoud spricht von einer „Omertà, die bis heute anhält“ – ein Schweigen in Mafia-Manier.

Die Lesung in Neubrandenburg

Am 9. März liest Silke Maier-Witt auf Einladung der Buchhandlung Thalia aus ihrer 2025 erschienenen Autobiografie „Ich dachte, bis dahin bin ich tot. Meine Zeit als Terroristin und mein Leben danach“. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr im Neubrandenburger Thalia-Geschäft. Karten können telefonisch unter 039536315115 vorbestellt oder direkt vor Ort erworben werden.

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Maier-Witt freut sich besonders auf diese Lesung: „Ich habe einen Großteil meiner DDR-Jahre in Neubrandenburg erlebt, und hier endete meine DDR-Zeit auch.“ Sie hofft, mit Schülern und Studenten über Radikalisierung und Zeitgeschichte ins Gespräch zu kommen – ein Thema, das angesichts aktueller Entwicklungen nichts an Relevanz verloren hat.