Forscher zu Neonazi-Razzia: Gewaltkultur in jungen Gruppen
Forscher: Gewaltkultur bei Neonazi-Razzia

Bundesweite Razzien richten sich gegen junge Neonazi-Gruppen, die sich über soziale Medien verabreden und gewaltbereit auftreten. Der Potsdamer Forscher und Politologe Christoph Schulze von der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle am Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam (MMZ) bewertet die Lage als besorgniserregend.

Gruppen „Deutsche Jugend voran“ und „Jung und stark“ im Fokus

Laut Schulze bestehen die betroffenen Gruppen „Deutsche Jugend voran“ und „Jung und stark“ überwiegend aus sehr jungen Neonazis. Sie richten sich gegen alles, was als links oder Antifa wahrgenommen wird, sowie gegen die LGBTIQ-Community. Die „Deutsche Jugend voran“ fiel insbesondere durch aggressive Proteste gegen Christopher-Street-Day-Veranstaltungen (CSD) in Ostdeutschland auf. Dabei riefen Mitglieder menschenverachtende Parolen wie „HIV hilf uns doch, Schwule gibt es immer noch“.

Überschaubare Größe, aber gefestigte Gewaltkultur

Der Forscher betont, dass die Gruppengröße überschaubar sei – es handele sich um „ein paar Dutzend stärker eingebundene Mitglieder“ sowie Sympathisanten. Organisatorisch seien die Gruppen noch nicht gefestigt, dennoch herrsche dort eine ausgeprägte Gewaltkultur. Die Razzia der Bundesanwaltschaft schwäche diese Gruppen zwar, könne aber die generellen Räume für rechtsextreme Tendenzen in der Jugend nicht beseitigen.

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Vorwurf der kriminellen Vereinigung

Schulze bezeichnet den Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung als „scharfes Schwert“. Ob sich dieser Vorwurf erhärten lasse, müsse sich zeigen. Die Anti-CSD-Proteste der Gruppen fanden unter anderem in Falkensee und Bernau statt, wo Mitglieder T-Shirts mit Aufschriften wie „aktivistisch“, „heimattreu“ und „kampfbereit“ trugen.

Verfassungsschutz beobachtet Zunahme seit 2024

Laut Bundesamt für Verfassungsschutz treten solche gewaltorientierten rechtsextremistischen Jugendgruppierungen vermehrt seit Mitte 2024 in Erscheinung. Bereits zuvor gab es Durchsuchungen und Verurteilungen: Im April 2025 verurteilte das Berliner Landgericht einen Rädelsführer wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung zu drei Jahren und drei Monaten Haft. Im September 2025 fanden Durchsuchungen in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg statt. Die aktuelle Razzia zeigt, dass die Behörden weiterhin gegen diese Netzwerke vorgehen.

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