Am Freitagvormittag versammelten sich zahlreiche Perleberger auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof Grahlplatz, um an die Opfer des Zweiten Weltkriegs zu erinnern. Bürgermeister Axel Schmidt (parteilos) betonte: „Gedenken ist nicht alleine dafür da, um in die Geschichte zurückzublicken.“ Vielmehr solle eine Erinnerungskultur aufzeigen, wie die Menschheit ein friedliches Zusammenleben gestalten könne.
Erinnern, nicht vergessen
Besonders vor dem Hintergrund aktueller weltpolitischer Konflikte sei es wichtig, stets den Frieden und den Dialog zu suchen. Der Elftklässler Elias Raddatz, der mit seinem Deutschkurs den Friedhof besuchte, meinte: „Ich finde, dass man von früher definitiv noch etwas lernen kann. Auch in Bezug auf heutige Themen, wenn man sich zum Beispiel die USA anschaut.“
Der Bürgermeister dankte den Gästen und Mitwirkenden, darunter einige Einwohner, Daniel Krause-Pongratz (erster Beigeordneter des Landkreises Prignitz), rund 30 Schüler des Gottfried-Arnold-Gymnasiums sowie Mitglieder des Perleberger Bürgervereins. Er lobte den Betriebshof und das Stadt- und Regionalmuseum für die Pflege der Gräber und die Organisation der Veranstaltung. Ein Blechbläser-Ensemble spielte nach jedem Redebeitrag Trauermärsche.
Rede des ältesten Stadtverordneten
Anschließend hielt der älteste Perleberger Stadtverordnete, Malte Hübner-Bürger (SPD), eine weitere Gedenkrede. Er rief dazu auf, dass sich besonders jüngere Menschen aktiv an der Gesellschaft beteiligen sollten, um die parlamentarische Demokratie zu sichern. Er erläuterte, mit welchen Mitteln die Nationalsozialisten an die Macht kamen, und sah bedenkliche Entwicklungen in der politischen Auseinandersetzung. Abschließend zitierte er den ersten Artikel des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – als Erinnerung an die Grundlagen unserer Gesellschaft.
Zwei unerwartete Wortmeldungen
Nach den Reden lasen vier Schüler des Gottfried-Arnold-Gymnasiums mahnende Texte vor, darunter Zeitzeugenberichte, um die Schrecken des Krieges zu illustrieren. Abschließend wurden zahlreiche Blumensträuße und Gedenkkränze niedergelegt. Damit wäre die Veranstaltung eigentlich beendet gewesen, doch spontan ergriffen zwei weitere Redner das Wort. Ihnen wurde gestattet, zum Publikum zu sprechen.
„Es ist der Tag des Sieges über den Hitlerfaschismus. Die Überlebenden der Konzentrationslager und der Todesmärsche würden sich im Grab umdrehen, wenn sie hören, wie man heute den deutschen Soldaten gedenkt“, mahnte ein Einwohner energisch. Er störte sich daran, dass am Tag der Befreiung aller Opfer gedacht werde – auch der deutschen. „Hier gibt es kein Luftholen für die Ewiggestrigen“, fügte er hinzu. Einige Teilnehmer beklatschten diese Aussagen, andere zeigten sich irritiert.
Nach der Kranzniederlegung meldete sich Kamo Pogosjan vom Veteranenverein zu Wort. Er berichtete, dass er am Mittwoch die russische Botschaft in Berlin besucht habe. Laut Pogosjan seien die Botschafter sehr erfreut gewesen, dass der sowjetische Friedhof in Perleberg noch immer für Gedenkveranstaltungen genutzt werde. Seine Kontakte in der Botschaft hätten Interesse bekundet, die Rolandstadt „in der nächsten Zeit“ zu besuchen.



