Magdeburg-Anschlag: Psychische Folgen quälen Opfer des Weihnachtsmarkt-Attentats
Im laufenden Prozess zum verheerenden Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt sind weitere Zeugen zu den langfristigen psychischen Folgen der Gewalttat gehört worden. Die Aussagen offenbaren tiefe Wunden, die bis heute das Leben der Betroffenen prägen und ihre Alltagsfähigkeiten einschränken.
Eine junge Mutter kämpft mit Ängsten und Isolation
Eine 27-jährige Sozialarbeiterin, die sich zum Zeitpunkt des Anschlags in der zehnten Schwangerschaftswoche befand, schilderte dem Landgericht Magdeburg ihre anhaltenden Qualen. Sie berichtete von akuten Unterleibsschmerzen und Übelkeit direkt nach dem Vorfall, begleitet von der panischen Angst, ihr ungeborenes Kind zu verlieren. „Es waren wahnsinnige Angst und Panikattacken, die mich überfielen“, erklärte sie unter Tränen. Bis heute meide sie öffentliche Räume und habe massive Ängste beim Autofahren entwickelt.
Ihr sieben Monate alter Sohn ist ein ständiger Begleiter ihrer Sorgen. Nur zweimal habe sie es gewagt, allein mit ihm spazieren zu gehen, wobei diese Ausflüge eher eine Qual als eine Freude gewesen seien. Eine umfassende Therapie bleibe ihr verwehrt, da sie keine Betreuungsmöglichkeiten für ihr Kind finde. Die Stadt Magdeburg meidet sie konsequent, ein Rückzug, der ihr soziales Leben erheblich beeinträchtigt.
Ein Unternehmer leidet unter Albträumen und erhöhter Schreckhaftigkeit
Ein 55-jähriger selbstständiger Unternehmer, der mit Geschäftspartnern auf dem Weihnachtsmarkt anwesend war, beschrieb die Szene als traumatisierend. „Das Schlimmste war die durchdringende Schreierei und der Anblick der zahlreichen Verletzten“, sagte er aus. Er schilderte ein plötzliches Geräusch von rechts, gefolgt von einer Menschenmenge, die durch die Luft geschleudert wurde. Nach einem kurzen Blackout kam er wieder zu sich, während ein Geschäftspartner eine schwere Kopfverletzung erlitt.
Der Zeuge, der auch als Nebenkläger auftritt, leidet unter schweren Schlafstörungen. Nächtlich werde er von den Bildern des Anschlags heimgesucht und wache schweißgebadet auf. Seine allgemeine Schreckhaftigkeit habe deutlich zugenommen, besonders in Menschenmengen oder an belebten Orten wie Flughäfen. Diese psychischen Belastungen begleiten ihn bis heute und schränken seine berufliche und private Mobilität ein.
Weitere Opfer berichten von ähnlichen Traumata
Mehrere andere Zeugen bestätigten im Gerichtssaal vergleichbare Erfahrungen. Viele von ihnen kämpfen mit:
- Anhaltenden Schlafstörungen und Albträumen
- Generalisierten Ängsten vor Menschenansammlungen
- Vermeidungsverhalten im öffentlichen Raum
- Emotionaler Labilität und Panikattacken
Diese psychischen Folgen sind so gravierend, dass sie das alltägliche Funktionieren erheblich beeinträchtigen und oft einer intensiven therapeutischen Behandlung bedürfen.
Juristische Bewertung der psychischen Folgen als Körperverletzung
Das Landgericht Magdeburg untersucht aktuell die Frage, inwieweit diese psychischen Traumata körperliche Auswirkungen haben und rechtlich als Körperverletzung gewertet werden können. Dazu werden Betroffene, die keine direkten physischen Verletzungen erlitten, als Zeugen gehört. Im Anschluss erstellen medizinische Sachverständige Gutachten, um die kausalen Zusammenhänge zu klären.
Das Gericht hatte ursprünglich vorgeschlagen, das Verfahren auf die Fälle von Mord, versuchtem Mord und gefährlicher Körperverletzung zu beschränken. Dieser Einschränkung widersprachen jedoch viele Nebenkläger, die eine umfassende Aufarbeitung aller Schadensdimensionen fordern.
Hintergrund des verheerenden Anschlags
Laut Anklage der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg steuerte der damals 50-jährige Taleb Al-Abdulmohsen aus Saudi-Arabien am 20. Dezember 2024 einen mehr als zwei Tonnen schweren und 340 PS starken Wagen etwa 350 Meter über den belebtesten Teil des Weihnachtsmarktes. Der Fahrzeugführer war mit Geschwindigkeiten von bis zu 48 Kilometern pro Stunde unterwegs.
Die Bilanz dieser brutalen Tat ist erschütternd:
- Sechs Menschen verloren ihr Leben, darunter fünf Frauen und ein neunjähriger Junge.
- Über 300 Personen erlitten teils schwerste Verletzungen.
- Unzählige Opfer tragen bis heute psychische Narben davon.
Die Anklage wirft Taleb Al-Abdulmohsen unter anderem sechsfachen Mord und versuchten Mord in 338 Fällen vor. Der Prozess bringt nicht nur die juristische Dimension der Tat zur Sprache, sondern auch das anhaltende Leid der Überlebenden, deren Leben für immer von diesem traumatischen Ereignis gezeichnet ist.



