24 Jahre nach brutalen Mord an Marinus (16): Uckermark sucht noch immer Antworten
Mord an Marinus: Uckermark sucht nach 24 Jahren Antworten

24 Jahre nach brutalen Mord an Marinus (16): Uckermark sucht noch immer Antworten

Der bestialische Mord an Marinus Schöberl, der damals gerade 16 Jahre alt war, liegt fast 24 Jahre zurück. Das Schicksal des Jungen, der heute 40 Jahre alt wäre, bewegt die Menschen in der Uckermark bis heute und wirft tiefgreifende Fragen auf. Der Regisseur und Drehbuchautor Andres Veiel hat in aufwendigen Recherchen versucht, Antworten zu finden und verarbeitete seine Erkenntnisse in dem Buch „Der Kick: Ein Lehrstück über Gewalt“.

Hilf- und Sprachlosigkeit prägen das Dorf Potzlow

Sein Tod erschütterte seinerzeit die gesamte Region. Plötzlich war Potzlow als Mörder-Dorf oder Fascho-Dorf verschrien. Viele Bewohner fühlten sich hilflos und sprachen davon, dass der 16-jährige Marinus einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sei. Diese Hilf- und Sprachlosigkeit prägte nach dem furchtbaren Mord das Dorf und die Umgebung nachhaltig.

Andres Veiel las damals in der Zeitung über den Mord in der Uckermark und wollte mehr darüber erfahren – ohne vorschnelle Urteile zu fällen. Stattdessen begann er eine intensive Recherche, die wohl mit seinem ursprünglichen Psychologiestudium zusammenhängt. Kürzlich war Veiel bei den Warnitzer Lesungen zu Gast, nur zwei Dörfer von Potzlow entfernt, fast 24 Jahre nach der Tat.

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Eine Spur der Gewalt durch die Jahrzehnte

Veiel erzählt von dem langen Anlauf, den er brauchte, bis die Menschen in Potzlow mit ihm sprachen. Er traf sich mit dem Pfarrer, einer Sozialarbeiterin, den Eltern von zwei der Täter und führte Gespräche mit diesen selbst. Dabei entdeckte er eine Spur der Gewalt, die sich durch das Dorf zieht – vom Zweiten Weltkrieg bis zu jenem schicksalhaften Tag im Juli 2002, als Marinus umgebracht wurde.

Es geht um schwere Demütigungen und Repressalien, die bis in die Großelterngeneration zurückreichen und über Jahrzehnte nicht thematisiert wurden. Diese unausgesprochenen Traumata haben etwas mit den Menschen gemacht. Veiel beschreibt den gewaltvollen Alltag der Jugendlichen Anfang der 2000er-Jahre und die Ablehnung von Zugezogenen, zu denen sowohl die Familie von Marinus als auch die Familien von zwei der Täter gehörten.

Verantwortungsvakuum und Vorstellungsvakuum

Im Gespräch mit Cornelia Jentzsch, die die Veranstaltung initiierte, fallen immer wieder zwei Begriffe: Verantwortungsvakuum und Vorstellungsvakuum. Das Verantwortungsvakuum entsteht, wenn nicht genau hingesehen wird, Leerstellen auftreten und viele ihre mögliche Verantwortung abgeben oder anderen zuschieben. Eine Sozialpädagogin allein kann dies nicht auffangen.

Das Vorstellungsvakuum zeigt sich in einer zufälligen Begegnung Veiels mit Jugendlichen in Potzlow, die keine Idee, kein Bild und keine Vision für ihre Zukunft hatten. Mehrmals betont er die eigene Verantwortung jedes Einzelnen, hinzuschauen, wo weggeschaut wird, und diese Vakuen zu erkennen. „Wir sind nicht ohnmächtig“, sagt er und appelliert daran, sich dort einzubringen, wo es möglich ist.

Der Wunsch zu verstehen bleibt lebendig

Später melden sich Stimmen aus dem Publikum. Einige Gäste sind extra aus Berlin angereist, um Andres Veiel, den bekannten Filmemacher von Werken wie „Black Box BRD“ oder „Beuys“, zu hören. Sie wollen verstehen, wie es damals dazu kam und wie die Situation heute in der Nähe von Potzlow ist.

Daniel Ruff, Bürgermeister von Oberuckersee, zu dem auch Potzlow zählt, steht auf und zeichnet ein Bild, das nach Normalität klingt. Doch beschwichtigen will er damit nicht – das wäre in einer Zeit, in der viele Jugendliche nur schulterzuckend auf Fragen nach ihrer Zukunft reagieren, auch nicht möglich. Die Gedanken zu den Vakuen und der Verantwortung jedes Einzelnen, sie zu füllen, bleiben aktuell und fordern zum Handeln auf.

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