Rassismus in Deutschland: Ich bin Deutsche, und ich bin Brown. Kurdin? Iranerin? Inderin? Menschen, die mich kennenlernen, rätseln gern, in welche Schublade ich passen könnte. Es war ein langer und schmerzhafter Prozess, bis ich die richtige Antwort fand. Ein Gastbeitrag von Sharin Santhiraraja-Abresch.
In der achten Klasse verglich ich mich mit einem Klassenkameraden: Wir hielten unsere Arme aneinander und betrachteten unsere Hautfarbe. „Du hast zwar auch braune Haut wie ich, aber irgendwie anders“, sagte mein Mitschüler zu mir. Mit diesem Satz identifizierte er sich selbst als Schwarz, mich jedoch nicht. In diesem Moment fühlte ich mich ausgeschlossen, als passte ich in keine Schublade. Mittlerweile verstehe ich, warum er recht hatte: Wenn mich eine weiße Person mit dem N-Wort beschimpft, hat das eine andere Bedeutung als für ihn – und die liegt nicht allein in der Hautfarbe.
Ein langer Weg zur eigenen Identität
Bis ich auf die passende Selbstbezeichnung für mich stieß, sollte es noch viele rassistische Erfahrungen dauern. Doch dann fand ich einen Begriff, der mir eine Zugehörigkeit vermittelt, die ich fast mein ganzes Leben nie gespürt habe: Brown. Diese Bezeichnung umfasst Menschen mit südasiatischen, nordafrikanischen oder lateinamerikanischen Wurzeln, die weder weiß noch Schwarz sind. Sie half mir, meine Erfahrungen einzuordnen und eine Gemeinschaft zu finden.
Frühe rassistische Erfahrungen
Schon als Kind wurde ich aufgrund meines ethnischen Hintergrunds beschimpft: „Alle Inder würden stinken“, hieß es; manche äfften einen vermeintlich indisch klingenden Akzent nach. Es waren meist Mitschüler. Erwachsene äußerten ihren Rassismus dagegen häufig im Stillen, hinter meinem Rücken. Sie wollten zum Beispiel nicht, dass ich mit ihren Kindern befreundet bin. Auch wenn ich gute Noten hatte, still am Esstisch saß und nichts falsch machte – meine Hautfarbe war der Grund, warum sie mich ablehnten. Das erfuhr ich erst Jahre später, als ich meine Freundinnen direkt fragte.
Diese subtilen Formen des Rassismus sind oft schwer zu benennen, aber sie prägen das Leben vieler People of Color in Deutschland. Die ständige Frage „Woher kommst du wirklich?“ und die Unfähigkeit vieler, mich einfach als Deutsche zu akzeptieren, zeigten mir immer wieder, dass ich anders wahrgenommen wurde.
Die Bedeutung von Selbstbezeichnungen
Der Begriff „Brown“ half mir, meine Identität zu verstehen und zu artikulieren. Er entstand in Anlehnung an die US-amerikanische Bewegung „Brown Pride“ und wird zunehmend auch in Deutschland verwendet. Er schließt eine Lücke zwischen den Kategorien „weiß“ und „Schwarz“ und ermöglicht es, spezifische Rassismuserfahrungen zu benennen, die Menschen mit südasiatischem, nordafrikanischem oder lateinamerikanischem Hintergrund betreffen. Diese Erfahrungen sind anders als die von Schwarzen Menschen, aber nicht weniger verletzend.
Heute weiß ich: Meine Identität ist vielfältig. Ich bin Deutsche, ich bin Brown, und ich bin stolz darauf. Der Weg dorthin war steinig, aber er hat mich gelehrt, dass Zugehörigkeit nicht von außen definiert wird, sondern von innen kommt.



