Der Schmerz war über 42 Jahre hinweg allgegenwärtig. Christina P. (68) verlor ihre geliebte Schwester Maria durch ein grausames Verbrechen. Nun, endlich, sitzt sie dem mutmaßlichen Mörder gegenüber.
Ein jahrzehntelanger Kampf um Gerechtigkeit
Alle zehn Jahre rief Christina P. bei der Aschaffenburger Kriminalpolizei an und fragte nach Neuigkeiten im Mordfall ihrer damals 19-jährigen Schwester. Immer wieder bat sie, den Fall erneut zu öffnen. Doch stets erhielt sie die gleiche Antwort: Nein. Diese Enttäuschung erlebte sie über mehr als 15.000 Tage hinweg.
Vorgestern sagte Christina P. zu BILD: „Jetzt habe ich dem Mörder von Maria in die Augen gesehen. Das macht Maria nicht mehr lebendig, aber ich hoffe, dass er trotz seines Alters eine lebenslange Haft bekommt!“
Der Prozess gegen Nazmi G.
Der Prozess gegen Nazmi G. (67) hat begonnen. BILD berichtete gestern über den Verhandlungsauftakt. Nazmi G. gestand, die Krankenschwesterschülerin am 30. Juli 1984 bei einem Streit mit ihrem Schal erwürgt zu haben. Er beteuert jedoch, nicht aus Eifersucht gehandelt zu haben, weil sie einen neuen Freund hatte. Auch eine geplante Tat, wie die Staatsanwaltschaft vermutet, streitet er ab. Sollte das Landgericht Aschaffenburg ihm keinen Mord nachweisen können, müsste es ihn freisprechen – denn Totschlag, etwa Würgen im Affekt, verjährt nach 20 Jahren.
Die Gefühle der Schwester
Christina P. verfolgte die Verhandlung aufmerksam. „Das will ich mir gar nicht vorstellen“, sagt sie. „Der hat unter einem neuen Namen ein zweites Leben gehabt, während wir an jedem Geburtstag dachten, ob Maria jetzt wohl Kinder oder Enkel hätte...“
Sie waren drei Schwestern, Maria war die hübscheste. Christina P. hatte Maria vor der Beziehung zu Nazmi G. gewarnt, auch weil Maria der Familie erzählte, dass sie Nazmi G. durch Heirat eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland verschaffen sollte. „Sie sagte, so weit sei sie noch nicht. Sie wollte nach Afrika nach ihrer Ausbildung, das war ihr Traum.“
Die Wende durch „Aktenzeichen XY“
Eine Fahndung bei „Aktenzeichen XY“ brachte im Juli den Durchbruch. Nazmi G. wurde in der Türkei festgenommen, nachdem er sich 16 Jahre unter dem Namen Cemil Gani in Aschaffenburg versteckt und dort eine Frau geheiratet hatte. „Das ist eine Frechheit“, sagt Christina P. „Seine Verwandten haben ihn 100-prozentig gedeckt.“
Als die Kripo den erlösenden Satz „Wir haben ihn“ übermittelte, war Christina P. gerade bei ihrer demenzkranken Mutter im Pflegeheim. „Sie hatte nicht mehr viel mitbekommen, aber als ich ihr alles erzählte, liefen ihr Tränen übers Gesicht.“ Ihr Vater erlebte den späten Sieg der Gerechtigkeit nicht mehr; er starb vor 21 Jahren.
Hoffnung auf Abschluss
„Wir hoffen, dass der Prozess uns einen Abschluss ermöglicht“, sagt Marias Schwester, nachdem sie dem Killer in die Augen blickte. Der Fall zeigt, wie tief die Wunden eines Mordes sitzen und wie wichtig die Aufklärung für die Hinterbliebenen ist.



