Studie enthüllt: Nur wenige sexuelle Übergriffe werden zur Anzeige gebracht
Eine umfangreiche neue Dunkelfeldstudie im Auftrag der Bundesregierung deckt erschreckende Zahlen zu Gewalt in Familien und Partnerschaften auf. Die von der Polizei registrierten sexuellen Übergriffe auf Frauen in Deutschland bilden nur einen verschwindend kleinen Teil der verübten Straftaten ab. Viele Opfer schweigen aus Angst, Scham oder weil sie den Partner nicht verlieren wollen.
Anzeigequote bei Frauen liegt bei nur drei Prozent
Den Angaben zufolge wurden 1,5 Prozent der Frauen und 0,2 Prozent der Männer in den vergangenen fünf Jahren Opfer einer Vergewaltigung. Die Anzeigequote weiblicher Opfer liegt bei diesen Taten, zu denen Vergewaltigungen und andere nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen zählen, bei nur drei Prozent. Männliche Opfer zeigen entsprechende Übergriffe laut Studie in 14,5 Prozent der Fälle an. Allerdings weisen die Forscherinnen und Forscher darauf hin, dass die Anzeigequote der Männer aufgrund der niedrigen Zahl von Fällen mit Messungenauigkeit verbunden sei.
Gewalt in Partnerschaften und Kindheit weit verbreitet
Blickt man auf die Gewalt zwischen Partnern oder Ex-Partnern, so zeigt sich: Etwa 90 Prozent der körperlichen Gewalt hat sich hier innerhalb der Partnerschaft ereignet. 8,4 Prozent der männlichen Betroffenen und 5,6 Prozent der weiblichen Betroffenen berichten von körperlicher Gewalt nach Beendigung der Beziehung. Dass diese jedoch häufig sehr gravierende Folgen haben kann, zeigt die Polizeistatistik: 2024 sind in Deutschland 308 Frauen und Mädchen gewaltsam getötet worden, 191 davon durch Partner, Ex-Partner oder andere Familienmitglieder.
Was die Studie auch aufdeckt: Jeder zweite Mensch in Deutschland hat in der Kindheit oder Jugend körperliche Gewalt erfahren. Die Daten zeigen, dass 49,3 Prozent der Frauen als Minderjährige mindestens einmal geschlagen oder körperlich verletzt wurden. Unter den Männern lag der Anteil bei 51,7 Prozent. Von sexuellen Übergriffen in der Kindheit und Jugend waren deutlich mehr Frauen (fünf Prozent) betroffen als Männer (1,9 Prozent).
Sexuelle Belästigung und Unterschiede bei Migrationshintergrund
Das von der Bundesregierung beauftragte Umfrageinstitut Verian hat auch Daten zu verschiedenen Formen sexueller Belästigung erhoben. Unerwünschte Kussversuche oder Berührungen sowie exhibitionistische Handlungen haben 14,5 Prozent der Frauen in den vergangenen fünf Jahren erlebt. Bei den Männern berichteten 4,6 Prozent von entsprechenden Erfahrungen.
Menschen mit Migrationshintergrund sind den Angaben zufolge stärker von Gewalt durch Partner oder Ex-Partner betroffen als Menschen ohne Zuwanderungsgeschichte. Unter den Menschen mit Migrationshintergrund haben demnach in den vergangenen fünf Jahren 7,6 Prozent der Frauen und 7,4 Prozent der Männer körperliche Gewalt innerhalb der Partnerschaft beziehungsweise durch Ex-Partner erlebt. Von den Menschen ohne Migrationshintergrund waren in diesem Zeitraum 4,3 Prozent der Frauen und 5,6 Prozent der Männer betroffen.
Maßnahmen zum Schutz vor gewalttätigen Ex-Partnern
Um Frauen künftig besser vor gewalttätigen Ex-Partnern zu schützen, hat das Bundeskabinett im November beschlossen, dass Familiengerichte die Täter künftig zum Tragen einer elektronischen Fußfessel verpflichten können sollen. Nähert sich der Täter – wissentlich oder unwissentlich –, wird das Opfer über ein Empfangsgerät gewarnt und kann sich gegebenenfalls rechtzeitig in Sicherheit bringen oder Unterstützung suchen. Auch die Polizei soll automatisch alarmiert werden, wenn sich ein Täter nähert. Demnächst steht die erste Beratung zu dem Vorhaben im Bundestag an.
Methodik der Dunkelfeldstudie
Die repräsentative Dunkelfeldstudie mit dem Titel «Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag» – für die zwischen Juli 2023 und Januar 2025 bundesweit insgesamt 15.479 Menschen im Alter zwischen 16 und 85 Jahren befragt worden waren – beantwortet auch einige Fragen, die nicht Gegenstand der jährlich veröffentlichten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) sind, da diese nur Delikte umfasst, die der Polizei bekanntgeworden sind. Dunkelfeldstudien versuchen, das tatsächliche Ausmaß von Kriminalität aufzudecken, da nicht alle Taten zum Beispiel aus Scham oder Misstrauen angezeigt werden.



