„Ich sehe den Kinderwagen“ – Überlebende brechen im Verdi-Prozess ihr Schweigen
Am Freitag, dem 27. Februar 2026, berichteten erneut Verletzte vor Gericht über die schrecklichen Ereignisse des Anschlags auf eine Verdi-Demonstration. Noch immer leiden sie unter schwerwiegenden körperlichen und psychischen Folgen. Sophia Willibald und John Schneider dokumentierten die emotionalen Aussagen der Zeugen.
Traumatische Erinnerungen vor Gericht
Tief in seinen Gedanken versunken, wendet Amir L. (Name geändert) den Blick von Richter Michael Höhne ab und kratzt sich am Ohr. Der Vorsitzende hatte ihn gefragt, woran er sich noch erinnern könne – an den Tag, an dem ein Mann mit seinem cremeweißen Mini Cooper in das Ende eines Verdi-Demonstrationszugs raste. Amir L. hält inne, atmet tief ein und sagt dann auf Türkisch: „Ich sehe den Kinderwagen und das tote Kind.“ Eine Dolmetscherin übersetzt seine Worte ins Deutsche.
Der verhängnisvolle Tag und seine Folgen
Am 13. Februar 2025 war der Angeklagte Farhad N. an mehreren Polizeiwagen vorbei und in die Menge gerast. Eine Mutter und ihre zweijährige Tochter starben, 44 weitere Menschen wurden teils lebensgefährlich verletzt. Einer von ihnen ist Amir L. Bevor ihm die Wucht des Autos das Knie verletzte, arbeitete er bei der Müllabfuhr. Seitdem kann er seinen Beruf nicht mehr ausüben. „Ich traue mir das nicht zu, die Tonnen sind schwer“, erzählt der 60-Jährige.
Amir L. berichtet auch von dem Tag, an dem die Schmerzen in seinem Bein ihren Anfang haben: Er sei am Ende des Zuges gelaufen, eine Frau mit einem Kinderwagen nur ein oder zwei Meter von ihm entfernt – als plötzlich ein Auto von hinten in die Menge rauschte. Noch heute fürchte er sich im Straßenverkehr, sagt er. Die Angst endet aber nicht vor seiner Haustür, sondern verfolgt Amir L. bis in sein Heim – er leide unter Schlafstörungen, erzählt er.
Angst im Alltag und therapeutische Behandlung
So auch der Zeuge Timur S. (Name geändert): Seit dem verhängnisvollen Tag habe er Probleme beim Schlafen, sagt er. Als das Auto damals in die Demo fuhr, konnte er sich zunächst nicht vorstellen, dass es Vorsatz gewesen sein könnte: „Ich habe im ersten Augenblick gedacht, dass der Fahrer einen Herzinfarkt hatte.“ Doch Farhad N. hatte keinen Herzinfarkt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Absicht vor.
Timur S. gestikuliert viel – beschreibt die Szenen vom Tattag nicht nur mit seinen Worten. Er versucht, den Anwesenden ein Bild davon zu zeichnen, auch wenn sich den Schrecken wohl niemand ausmalen kann, der nicht selbst dabei war. Zusammen mit anderen habe Timur S. versucht, den Mini anzuheben, um die Menschen zu befreien, die darunter lagen, erklärt der 51-Jährige. Bis heute sei er wegen dem, was er und viele andere durchleben mussten, in therapeutischer Behandlung. Und bis heute begleite ihn die Angst in seinem Alltag: „Ich fahre nicht mehr Bus, Tram oder U-Bahn.“
Die Aussagen der Überlebenden verdeutlichen die tiefgreifenden Auswirkungen des Anschlags. Sie kämpfen noch immer mit den Folgen und suchen nach Wegen, mit dem Trauma umzugehen.



