Zehn Jahre nach Brüsseler Terror: Opfer kämpfen noch immer mit Folgen
Ein normales Leben bleibt für viele Überlebende der Brüsseler Terroranschläge vom 22. März 2016 unerreichbar. Pascal Corneillie, ehemaliger Bundespolizist, der die Explosionen am Flughafen miterlebte, beschreibt die anhaltenden psychischen Belastungen: „Die Bilder, die Gerüche, das Schreien und Weinen von Kindern, deine Dutzenden Freunde und Bekannten, die dort schwer verletzt oder tot liegen – das lässt einen nicht los.“ Stattdessen lebe man dauerhaft im Kampfmodus, vertraue niemandem mehr und bleibe ständig angespannt.
Die Ereignisse des 22. März 2016
Am Morgen des 22. März 2016 explodierten in der Abflughalle des Brüsseler Flughafens zwei Bomben, eine dritte zündete fehl. Augenzeugen berichteten von einem lauten Knall und einem orangefarbenen Feuerball. Etwa eine Stunde später detonierte eine weitere Bombe in der Metrostation Maelbeek im EU-Viertel. Insgesamt kamen 32 Menschen ums Leben, darunter drei Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Mehr als 300 Personen wurden verletzt. Drei weitere Menschen starben später durch Krankheit oder Suizid, sodass die offizielle Zahl der Todesopfer bei 35 liegt.
Langfristige psychische Folgen für Überlebende
Corneillie, heute 60 Jahre alt, war zum Zeitpunkt der Anschläge als Grenzschützer tätig und kein ausgebildeter Ersthelfer. „Mein Körper hat sehr stark auf das reagiert, was ich gesehen habe und was ich tun musste“, erzählt er. Die Folge sei eine posttraumatische Belastungsstörung gewesen, die nicht nur ihn, sondern seine ganze Familie betroffen habe. „Die ganze Familie wird Zeuge davon, dass man sich verändert“, berichtet der Belgier. Viele Opfer leiden noch Jahre später unter Schlafstörungen, Angstzuständen und einem permanenten Gefühl der Bedrohung.
Einordnung in die islamistische Terrorserie
Die Brüsseler Anschläge reihten sich in eine Serie islamistischer Terrorakte ein. Im November 2015 hatten Terroristen in Paris 130 Menschen getötet und 350 verletzt, vor allem im Konzertsaal Bataclan. Im Dezember 2016 tötete ein Attentäter zwölf Menschen in Berlin. Zehn Jahre nach den Attacken in Brüssel wird die Bedrohungslage von den belgischen Behörden weiterhin als „ernst“ eingestuft – Stufe drei von vier.
Staatliche Reaktionen und Sicherheitsmaßnahmen
Nach den Anschlägen verstärkte Belgien nicht nur die Polizeipräsenz und Sicherheitsvorkehrungen, sondern ergriff auch Maßnahmen zur Deradikalisierung und Prävention. In der Brüsseler Gemeinde Molenbeek, die als Rückzugsort radikaler Islamisten bekannt wurde, starteten Initiativen zur sozialen Integration und Bildung. Ziel war es, strukturelle Probleme wie Arbeitslosigkeit und soziale Ausgrenzung anzugehen, die als Risikofaktoren für Radikalisierung gelten.
Der Mammutprozess und seine Unzulänglichkeiten
Der Prozess gegen die Hauptverantwortlichen, darunter Salah Abdeslam, ging 2023 nach sieben Jahren zu Ende. Verhängt wurden jahrzehntelange bis lebenslange Haftstrafen. Opferorganisationen wie Life4Brussels kritisierten jedoch den schwerfälligen Staatsapparat und die chronisch überlastete Justiz. Medienberichte, wonach mehrere Angeklagte vor den Anschlägen überwacht worden waren, sorgten bei Hinterbliebenen für Fassungslosigkeit.
Opfer fühlen sich alleingelassen
Viele Überlebende und Angehörige fühlen sich vom belgischen Staat im Stich gelassen. Corneillie klagt: „Allein dafür, dass wir am Flughafen Leben gerettet und Initiativen ergriffen haben, lässt man uns ohne Hilfe.“ Beamten würden zwar viele Kosten erstattet, doch Versicherungen spielten die Belastungen oft herunter. Die Organisation Life4Brussels betonte, dass sich der Zorn der Opfer nicht mehr nur gegen die Attentäter, sondern auch gegen den Staat richte, der ihre Not vergrößert habe.
Perspektiven für die Zukunft
Für Corneillie bedeutet der zehnte Jahrestag, alles hinter sich zu lassen und neu anzufangen. „Wieder leben, ja – aber mit einer anderen Perspektive, die Dinge relativieren. Wieder leben, wie eine andere Person. Wieder lernen zu atmen.“ An der Metrostation Maelbeek erinnert heute die Projektion des Wortes „remember“ an die Opfer, doch für viele Überlebende bleibt der Weg zur Normalität ein langwieriger Prozess.



