70 Jahre Ehe: Liebe durch drei Systeme – Helga und Horst Markwart
70 Jahre Ehe: Liebe durch drei Systeme

Ein Jahrhundertpaar erzählt von Liebe durch drei Systeme

Helga und Horst Markwart am Strand von Kühlungsborn. Ihr erster Wohnort als Ehepaar. Es begann mit einer Frage beim Tanz im Winter 1953: „Fräulein, sind Sie bei der FDJ?“ Für Horst und Helga Markwart wurde daraus eine Reise von über 70 gemeinsamen Jahren und durch drei politische Systeme. Im Oktober vergangenen Jahres feierten sie „Gnadenhochzeit“, also 70 Jahre Eheglück, mit buntem Programm der ganzen Familie im Rostocker Veranstaltungssaal Nordlicht.

Helga und Horst Markwart haben geschafft, was heute fast unmöglich scheint: Sie sind mehr als 70 Jahre verheiratet. Im Oktober 2025 feierten sie die Gnadenhochzeit im Rostocker Nordlicht. Beim Gespräch am Kaffeetisch sitzen sie ganz nah beieinander. Sie, die temperamentvolle Erzählerin, er, der still ruhende Pol, der aufmerksam lauscht und mit trockenem Humor die Pointen setzt.

„Da dachte ich noch: Was ist das denn für einer“

Zum ersten Mal begegneten sie sich am zweiten Weihnachtsfeiertag 1953. In Chemnitz, damals: Karl-Marx-Stadt, herrschte klirrende Kälte. Die 18-jährige Helga „traute sich etwas“ und beschloss mit ihren Freundinnen: „Wir gehen zum ‚Öffentlichen Tanzen‛.“ Elf Kilometer Wegstrecke waren es von Einsiedel, wo Helga wohnte, bis zum brechend vollen Marmorpalast. Dort passierte es: Ein junger Mann betrat den Saal, der Helga sofort auffiel: Horst. Er war ebenfalls 18, gerade auf Stippvisite bei den Eltern und frisch beim Musikkorps in Leipzig stationiert. Er habe „einfach ein Mädchen zur Seite geschubst, damit er sich setzen konnte“, erzählt Helga. „Da dachte ich noch: Was ist das denn für einer? So geht es also zu auf öffentlichen Tänzen.“

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„Fräulein, sind Sie bei der FDJ?“

Sie muss lachen. Horst Markwart sitzt in seinem Stuhl, grinst verschmitzt und nickt: „Ich wusste, was ich wollte.“ Die junge Frau war seine Schwester. Und er schob sie damals nur zur Seite, um Helga näher zu sein. Seine erste Frage: „Fräulein, sind Sie in der FDJ?“ Ein bewusst gewählter Eisbrecher, um unkompliziert ins „Du“ zu finden – und zum gemeinsamen Gang zur Bar. Hier trank Helga den ersten Pfeffi ihres Lebens. Am Ende des Abends küssten sie sich. Der Grundstein für 70 Jahre Ehe war gelegt.

Familienkonflikt: Kommunistischer Vater, Nazi-Onkel

Horst erzählt wenig über die Zeit vor Helga. „Ich erinnere mich kaum.“ Helga erinnert sich indes an die vieles: „Meine frühesten Erinnerungen sind die an die Nächte in den Luftschutzkellern.“ Ihr Vater sei Kommunist gewesen und war in jenen Jahren vor und während des Krieges zum Balanceakt zwischen Sicherheit für die Familie und politischem Handlungswillen gezwungen. „Der Bruder meiner Mutter war ein echter Nazi“, erzählt Helga. „Der wollte uns am liebsten in die Chemnitz werfen.“ Ein Kommunist in der Familie – das durfte nicht sein. Stolz schwingt in ihrer Stimme, wenn sie erzählt, dass der Vater sein Leben riskierte, um Gefangenen Essen zuzuschieben. Wie er zu der Position als Aufseher kam, erzählt sie nicht.

In der Familie Markwart wird jedes Fest gefeiert. Die großen Jubiläen werden nicht nur durch ein Programm der ganzen Familie bereichert, selbst die Tischkärtchen bastelt Helga Markwart entsprechend dem Motto der Feierlichkeit. „Es ging uns besser als vielen anderen“, erzählt Helga über die ersten Jahre nach dem Krieg. Trotzdem litt die Familie Hunger und der Vater stahl in der Not ein Töpfchen Mehl aus dem Vorratsschrank eines Restaurants. Er wurde erwischt, verlor seine Arbeit, die Familie musste die Wohnung räumen und er kam in Untersuchungshaft. Um zu überleben, tauschte die Familie schließlich die komplette Einbauküche der Großeltern gegen drei Säcke Getreide.

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Dienstpflicht sprengt die Hochzeitsreise

Als Helga und Horst einander kennenlernten, waren die Spuren des Krieges und der Mangel noch allgegenwärtig. „Es wurde besser, aber viel war es nicht“, meint Helga. Sie heirateten am 22. Oktober 1955. Die Hochzeit verlief allerdings nicht wie geplant: Horst, inzwischen als Stabsmusiker in Stralsund stationiert, erschien der Dienstpflicht wegen viel zu spät zum Polterabend. „Und am Tag der Hochzeit platzte ein Telegram in die Feier: Sofortige Rückkehr zur Dienststelle.“ Keine Hochzeitsreise, kein langes Feiern. „Ich war richtig sauer“, gibt Helga zu. Doch sie blieb – und das für immer.

Helga und Horst Markwart bei ihrer Hochzeit am 22. Oktober 1955. Die Hochzeitsreise wurde von einem Telegramm jäh unterbrochen. „Es ist ja immer irgendwas oder gibt mal Kabbelei“, erklärt sie. „Aber da muss man durch.“ Das gehöre dazu. Und das Leben der Markwarts war ziemlich oft ein „Hopplahopp“, wie sie es nennt. Als ihre Tochter sechs Wochen alt war etwa, zogen sie nach Kühlungsborn. Ein Umzug in Eile, nur mit Kinderwagen, einem Eimer voller Kleidung und einer einzigen Kasserolle. Doch statt des erhofften Raumes für die Familie allein, mussten sie sich die Wohnung mit einer Offiziersfrau teilen. Der Alltag war geprägt von Improvisation: Zu Beginn gab es keine Möbel und Helga kochte auf zwei Kochplatten am Boden. Auf Wunsch von Horst meisterte sie dort ihre ersten Kohlrouladen. „Seitdem ist es das Lieblingsessen der Familie“, erzählt der Musiker.

Waschtag am Bottich: Schrubben für die weiße Windel

Helga arbeitete als Mutter von vier Kindern Vollzeit als Kindergärtnerin und pendelte mit dem Fahrrad zwischen Krippe, Wohnung und Arbeitsplatz. Horst war oft tagelang unterwegs. Die Hausarbeit war mühsam, denn eine Waschmaschine gab es erst viel später: eine Romo. „Ein Geschenk!“, stöhnt Helga noch heute erleichtert über diese Erfindung. Auch Helga Markwart ist sehr musikalisch und dirigierte zu DDR-Zeiten mehrere Chöre. Denn sie kann sich noch ganz genau erinnern, wie sie zum „Haushaltstag“ Berge von Wäsche in großen Bottichen erst einweichen, dann schrubben und kochen und wieder schrubben musste. „Ich musste jahrelang noch alles per Hand waschen“, berichtet Helga. Und das bei zwei Kindern, die Windeln trugen. Und erst der soziale Druck: „Die Windeln mussten jeden Tag weiß sein, da durfte kein Schatten drauf sein.“

Der Haushaltstag in der DDR

Der Haushaltstag in der DDR war ein arbeitsfreier oder teilweise freigestellter Tag, den vor allem berufstätige Frauen regelmäßig (meist einmal im Monat) erhielten, um Hausarbeit, Einkäufe, Kinderbetreuung oder Behördengänge zu erledigen. Er war Teil der sozialpolitischen Maßnahmen der DDR, die die Doppelbelastung von Frauen in Beruf und Familie anerkennen und abfedern sollten. Der Anspruch war in betrieblichen Regelungen verankert, oft an bestimmte Voraussetzungen (z.B. Kinder im Haushalt) gebunden und wurde über den Betrieb organisiert. Ziel war die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familienpflichten sowie die Stabilisierung des Arbeitskräfteangebots.

„Manchmal frage ich mich, wie man das alles geschafft hat“, meint die heute 91-Jährige. Aber sie waren glücklich. Sie verbrachten die Wochenenden am Strand, im Zoo, oder die Familie folgte Vater Horst zu seinen Konzerten als Fagottist oder Schlagzeuger im Orchester. Auch Helga war musikalisch tätig und leitete Chöre in ihrer Freizeit.

Der politische Grabenbruch: die Wende 1989

Als im Herbst 1989 die Welt, wie sie die Markwarts mehr als ihr halbes Leben lang kannten, aus den Fugen geriet, lag Helga gerade wegen einer Mandeloperation im Krankenhaus. Die Wende. „Ich konnte das gar nicht glauben“, erzählt sie. Jemand hatte ein Radio in das Krankenzimmer gestellt. Aber die Nachrichten hätten sie kaum erreicht, klangen seltsam und fast surreal. Helga Markwart wird in einem der zahlreichen Fotoalben fündig. Sie erzählt von ihren ersten Jahren als Ehefrau und Mutter. „Wir haben ja mit Reformen gerechnet“, erzählt Horst, „aber damit nicht.“ Er war zu diesem Zeitpunkt gerade auf dem Schiff. Für ihn war sofort klar: „Jetzt ist alles anders.“ Horst erlebte, wie sein Orchester über Nacht aufgelöst wurde. „Einige Musiker hatten Glück und wurden nach Neubrandenburg versetzt“, erzählt er. Für ihn als Älteren, kurz vor der Rente, „war einfach Schluss“. Helga leitete 1989 eine große Kinderkombination (Kombi 6) in Rostock und war für hunderte Kinder und Dutzende Erzieher verantwortlich. „Aber ich war Jahrgang 1935“, erzählt sie, „und der passte nicht ins neue System, durfte keine Führungsposition bekleiden.“ Sie sei ins Rathaus bestellt worden und da hieß es dann: „Entweder Vorruhestand oder Kündigung.“

Drei Systeme, weißes Haar – und Alltag mit klaren Werten

Sie ist nicht verbittert, aber noch immer tief getroffen von dem abrupten Ende ihrer Karriere. „Ich muss froh sein“, sagt sie. „Für viele Jüngere war das sehr viel schwieriger.“ Der Familie geht es gut. Und selbst wenn Helga der Umgang mit den Kindern heutzutage gar nicht recht gefallen mag („Kinder brauchen Disziplin und eine Aufgabe“) – die Markwarts blicken versöhnt auf ihr Leben in drei verschiedenen politischen Systemen zurück. Die Haare sind weißer, die Schritte kürzer, und wie Horst Markwart verrät, als Helga gerade nicht hinhört: „Das Lachen ist noch genauso schön wie am ersten Tag.“

Am Freitag, 1. Mai 2026, 18 Uhr, strahlt der NDR eine Folge zum Thema Jahrhundert-Liebe aus. In dieser sind auch Helga und Horst Markwart zu erleben.