ESC in Wien: Favoriten, Boykott, Sicherheit und Fan-Kaffeehäuser
ESC in Wien: Favoriten, Boykott und Sicherheit

Der Eurovision Song Contest (ESC) hat sich zu einem der weltweit größten Musik-Spektakel entwickelt. Aus einem eher braven internationalen Liederwettbewerb, der der Völkerverständigung dienen sollte, ist eine einwöchige Mega-Party mit unüberhörbaren politischen Nebengeräuschen geworden: Die Community feiert Werte wie Diversität, bejubelt die oft schrillen Acts, und zumindest beim Finale fiebern inzwischen rund 170 Millionen TV-Zuschauer mit. Der 70. Jubiläums-ESC in Wien ist aber auch geprägt durch den Streit um die Teilnahme Israels. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Event:

Wer hat dieses Jahr eine Chance auf den Sieg?

Glaubt man Wettanbietern und Online-Umfragen, dann haben Linda Lampenius und Pete Parkkonen aus Finnland mit ihrem Violine-Gesangs-Duett „Liekinheitin“ („Flammenwerfer“) die Nase vorn. Als möglicher Siegerkandidat gilt auch Søren Torpegaard Lund. Der Däne mit dem großen Stimmumfang präsentiert in Wien seinen Song „Før vi går hjem“. Ebenfalls gute Chancen haben Akylas aus Griechenland mit seiner Gute-Laune-Nummer „Ferto“ und die Australierin Delta Goodrem mit ihrer Power-Ballade „Eclipse“.

Zum erweiterten Favoritenkreis zählen neben den Beiträgen aus Schweden und Italien auch die französisch-amerikanische Sängerin Monroe mit dem Klassik-Pop-Song „Regarde !“ und die Rumänin Alexandra Capitanescu. Der Text ihres Songs „Choke Me“ („Würge mich“) hatte schon vor dem Finale für Diskussionen gesorgt.

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Wie stehen die Chancen für Deutschland und den Gastgeber Österreich?

Sarah Engels tritt für Deutschland mit „Fire“ in den ESC-Ring. Die tanzbare Pop-Nummer liegt bei den Wettanbietern und in Online-Abstimmungen derzeit nur im hinteren Mittelfeld. Die gute Nachricht: „Fire“ war in den vergangenen Wochen der meistgesuchte ESC-Beitrag auf Google. Und: Deutschland ist für die Finalrunde gesetzt und muss deshalb keine Halbfinal-Hürde überwinden.

Österreich schickt Cosmó auf die Bühne. Mit seinem deutschsprachigen Song „Tanzschein“ hat er bislang deutlich weniger Enthusiasmus ausgelöst als die bisherigen Sieger aus Österreich: JJ (2025), Conchita Wurst (2014) und Udo Jürgens (1966).

Was ist dieses Mal anders als sonst?

Der Boykott durch gleich fünf Länder ist eine neue politische Dimension beim ESC. Spanien, die Niederlande, Irland, Slowenien und Island bleiben fern, weil sie das Vorgehen Israels im Gazastreifen verurteilen – und nicht an einem Wettbewerb teilnehmen wollen, in dem Israel vertreten ist. Damit schrumpft die Zahl der teilnehmenden Länder auf 35, so wenig wie seit Jahren nicht mehr. Deutschland – und Gastgeber Österreich – haben nie Zweifel aufkommen lassen, dass sie teilnehmen werden und Israel willkommen sei.

Wen schickt Israel?

Noam Bettan geht in diesem Jahr mit dem emotionalen und energischen Song „Michelle“ für Israel an den Start. Der Sohn französischer Einwanderer hat seine Teilnahme israelischen Medien zufolge so beschrieben: „Es ist, als würde man sich in die Höhle des Löwen begeben“. Als Vorbereitung auf Anfeindungen lässt sich der 28-Jährige bei den Proben von seinem Team ausbuhen, wie er der „Bild“-Zeitung sagte.

Welche Sicherheitsvorkehrungen gibt es?

Hunderte Polizisten in Uniform und in Zivil sind täglich im Einsatz, darunter auch Kräfte der Spezialeinheit Cobra. Eine Vielzahl von Überwachungskameras soll Hinweise auf mögliche Gefahren liefern. Das FBI hilft nicht zuletzt in puncto Cybersicherheit. Die Stadthalle als Ort der Shows, das ESC-Village vor dem Rathaus, oder Österreichs größte Diskothek im Prater, wo die After-Show-Partys steigen, sind nur nach Sicherheits-Checks zugänglich. Taschen sind nicht erlaubt. 16.000 Menschen, die mit dem Event zu tun haben, wurden von der Polizei überprüft. Im Umkreis der Veranstaltungsorte herrscht ein Drohnen-Flugverbot.

Wie sieht es mit Demos aus?

Bei den Behörden sind mehrere Demonstrationen meist aus dem propalästinensischen Umfeld angemeldet. Jederzeit können weitere dazukommen. Die Polizei rechnet mit spontanen Blockade- und Störaktionen gerade am Finaltag, dem 16. Mai. Rund um die Stadthalle sind solche Aktionen kaum möglich. Die Absperrungen sind weiträumig, Platzverbote können jederzeit ausgesprochen werden. Grundsätzlich gilt aber, dass trotz der Sicherheitsstufe das Versammlungsrecht aufrechterhalten werden soll.

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Was ändert sich bei der Abstimmung?

Die Regeln wurden geändert. Für den ESC in Wien wurde die maximale Anzahl der Stimmen des Publikums via Online, SMS und Telefonanruf von 20 auf 10 reduziert. Außerdem redet die Jury wieder stärker mit und kann bereits im Halbfinale ihre Meinung abgeben. Damit reagiert die Europäische Rundfunkunion (EBU) auf das Ergebnis des ESC 2025 in Basel. Die israelische Sängerin Yuval Raphael hatte dank eines überwältigenden Publikumsvotings Platz zwei belegt. Es wurde vermutet, dass diesem Ergebnis eine strategische Mobilisierung der Zuschauer und Zuschauerinnen zugunsten Israels zugrunde lag.

Wer moderiert und wie?

Die „Let's Dance“-Moderatorin Victoria Swarovski führt durch den Song Contest. An ihrer Seite: Der für seine schrägen und komischen Charaktere bekannte Schauspieler Michael Ostrowski („Ein Krimi aus Passau“, „Dampfnudelblues“). Sollten Buhrufe oder Proteste gegen einen Teilnehmer „ein außergewöhnliches Ausmaß annehmen“, werde das Moderatorenduo dies auch ansprechen, sagte Michael Krön, Chefproduzent des österreichischen Gastgebersenders ORF. Dies werde aus der Situation heraus entschieden, meinte er in einem Live-Chat für die Zeitung „Der Standard“.

Was macht den ESC zu einem Wiener Event?

Wien und Kaffee – das gehört auch beim Song Contest zusammen. Deshalb wurden allen Teilnehmerländern Kaffeehäuser zugewiesen. Sie sollen als Treffpunkte für die jeweiligen Fans dienen – vom piekfeinen Café Landtmann (Vereinigtes Königreich, San Marino) bis zum gemütlichen Café Hummel (Deutschland, Aserbaidschan). Viele Kulturinstitutionen sind Teil des dichten Rahmenprogramms: Das Kunsthistorische Museum bietet etwa eine Abendführung für Fans mit Cocktails und DJs an. Die Volksoper lädt zu Mitsing-Events mit ESC-Klassikern wie „Merci Cherie“ oder „Volare“. Auf der Donau kreuzt ein Eurovision-Partyschiff, und der Platz vor dem imposanten Rathaus wird zu einer Public-Viewing-Zone für bis zu 30.000 Menschen.

Was bedeutet das Mega-Spektakel für den ORF?

Der ORF als gastgebender Sender hat in den vergangenen Monaten selbst Schlagzeilen gemacht. ORF-Intendant Roland Weißmann trat wegen Vorwürfen unangemessenen Verhaltens gegenüber einer Mitarbeiterin zurück. Er bestreitet die Vorwürfe. Inzwischen leitet die Journalistin Ingrid Thurnher den öffentlich-rechtlichen Sender mit seinen 4.000 Mitarbeitern. Der ORF hat Erfahrung mit dem ESC. 2015 gelang eine Show, die Maßstäbe setzte.