Sexy TikTok-Clips: Wie 'Thirst Traps' Aufmerksamkeit und Follower generieren
TikTok: Wie 'Thirst Traps' Aufmerksamkeit generieren

Das Phänomen der 'Thirst Traps' auf TikTok: Strategie oder Selbstermächtigung?

Ein TikTok-Video beginnt harmlos: Eine Person spült Geschirr ab, eine alltägliche Szene. Doch für einen kurzen Moment ändert sich die Stimmung radikal – plötzlich ist die Person nur noch in knapper Unterwäsche zu sehen. Solche Beiträge werden als 'Thirst Traps' bezeichnet, ein Begriff, der sich aus den englischen Wörtern für 'Durst' und 'Falle' zusammensetzt und seit Jahren als Beschreibung für ein spezifisches Social-Media-Phänomen kursiert.

Die Mechanismen hinter den sexualisierten Kurzvideos

Laut der Sozialpädagogin Tessa-Marie Menzel von der Technischen Universität Dortmund handelt es sich bei 'Thirst Traps' um gezielt sexualisierte Kurzvideos und Fotos, die darauf abzielen, maximale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Nutzer tappen bereits in die Falle, wenn sie dem Ersteller eines solchen Beitrags Aufmerksamkeit schenken – etwa durch Likes, Kommentare oder Shares.

Der Medienpädagoge Rudolf Kammerl von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ergänzt, dass der Trick besonders dann funktioniere, wenn 'Versprechen für einen sexuellen Kontakt angedeutet, aber nicht eingehalten werden'. Ein Beispiel verdeutlicht dies: Ein Mann inszeniert in der Küche die Zubereitung eines Reisgerichts, als spiele er die Hauptrolle in 'Fifty Shades of Grey'. Der Internetstar Cedrik Lorenzen, der mittlerweile 7,5 Millionen Follower auf TikTok hat, behandelt in seinen Videos Lebensmittel wie andere ihre Partnerinnen – und erntet damit enorme Resonanz.

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Von Fahrstühlen zu internationaler Reichweite: Erfolgsgeschichten

Das aus der Werbeindustrie bekannte Sprichwort 'Sex sells' erreicht im Social-Media-Zeitalter durch 'Thirst Traps' eine neue Dimension. Im deutschsprachigen Raum haben sich etwa die Elevator Boys durch ihre freizügigen Clips in Fahrstühlen eine internationale Reichweite aufgebaut. Den fünf jungen Männern, geboren zwischen 1999 und 2001, folgen auf TikTok mittlerweile 2,7 Millionen Menschen. Ihr Erfolg bescherte ihnen Verträge als Models, Boyband und Filmdarsteller.

Für Influencer bedeutet dies oft auch finanzielle Gewinne. 'Sexy' Beiträge erhalten übermäßig viele Likes und Kommentare, was die eigene Marke und Sichtbarkeit stärkt. Medienpädagogik-Professor Kammerl erklärt: 'Social-Media-Stars leben ja oft davon, dass sie ganz viele Likes bekommen und damit entweder direkt Geld generieren oder durch Werbetreibende, deren Produkte sie einbauen.'

In einem Selbstexperiment der deutschen YouTuberin Annikazion aus dem Jahr 2023 zeigte sich die Wirksamkeit dieser Strategie: Eine Woche lang postete sie täglich ein 'Thirst Trap'-Video auf TikTok und gewann in diesem Zeitraum nach eigenen Angaben rund 30.000 neue Follower.

Zwischen Selbstermächtigung und problematischen Schönheitsidealen

Nicht nur bekannte Influencer nutzen 'Thirst Traps'. Auch Privatpersonen zeigen sich in sozialen Medien selbstbewusst und erotisch. Die Gründe sind vielfältig: Neben dem Wunsch nach Aufmerksamkeit kann es um das Wecken sexuellen Interesses, Flirtversuche oder sogar darum gehen, einem Ex-Partner nach einer Trennung zu zeigen, was dieser verpasst.

Sozialpädagogin Menzel betont, dass sexy Clips auch eine Möglichkeit der Selbstermächtigung sein können – besonders für Menschen, die nicht gängigen Schönheitsidealen entsprechen. 'Empowerment und Normdruck existieren einfach gleichzeitig.' Gleichzeitig werde der Druck, einem bestimmten Ideal zu entsprechen, durch 'Thirst Traps' verstärkt. Bei Frauen gehe es häufig um Schlankheit, bei Männern um Fitness.

'Gleichzeitig findet auch eine Objektifizierung und Sexualisierung von Körpern statt, die natürlich auch noch mal gerade bei Frauen sehr kritisch zu sehen ist', so Menzel. Das ständige Gefühl, sich mit anderen vergleichen zu müssen, hält sie für problematisch.

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Jugendschutz und elterliche Verantwortung

Ein weiteres Problem: Auch Kinder und Jugendliche können auf TikTok, Instagram und anderen Plattformen auf 'Thirst Traps' stoßen und mit Inhalten konfrontiert werden, die nicht für sie geeignet sind. Medienpädagoge Kammerl sieht Social-Media-Anbieter in der Pflicht, sicherzustellen, dass Altersbeschränkungen eingehalten werden. Gleichzeitig betont er die Verantwortung der Eltern, darauf zu achten, welche Inhalte ihre Kinder konsumieren.

Allerdings seien 'Thirst Traps' in der Regel nicht so gravierend, dass sie aufgrund von Jugendgefährdung von den Plattformen geblockt werden müssten, so Kammerl. Dennoch bleibt die Frage, wie mit diesem Phänomen im Spannungsfeld zwischen Marketingstrategie, Selbstermächtigung und gesellschaftlichen Normen umgegangen werden soll.