Washington Post in der Krise: 300 Entlassungen und 300.000 Abokündigungen unter Jeff Bezos
Die legendäre Zeitungsikone Washington Post erlebt unter ihrem Besitzer, Amazon-Gründer Jeff Bezos, einen tiefgreifenden Einschnitt. Am vergangenen Mittwoch wurden 300 Mitarbeiter entlassen, was etwa einem Drittel der Belegschaft entspricht. Parallel dazu kündigten über 300.000 Abonnenten ihre Bezahlabos. Die Zeitschrift The Atlantic warf Bezos in einem Leitartikel sogar „Mord“ an dem traditionsreichen Blatt vor. Seit der Übernahme durch den Multimilliardär im Jahr 2013 kämpft die Washington Post um ihre Existenz – mit ungewissem Ausgang.
1. Der Anfang: Bezos' Übernahme und die goldene Ära
Vor 13 Jahren schien die Kombination perfekt: Jeff Bezos kaufte die Washington Post für 250 Millionen US-Dollar und brachte der stolzen, aber digital noch nicht etablierten Zeitung neues Selbstbewusstsein. Er investierte kräftig, stockte die Redaktion um 140 Journalisten auf und stattete den Newsroom mit 35 IT-Spezialisten aus. Unter Chefredakteur Marty Baron plante Bezos, die auf Washington fokussierte Zeitung zu einer nationalen Marke auszubauen. Das Ziel war eine „neue goldene Ära“.
Der Plan ging zunächst auf: Die Zeitung gewann renommierte Pulitzer-Preise, verdoppelte die Nutzerzahlen ihrer Webseite innerhalb von drei Jahren und überholte 2015 die New York Times sowie 2016 das digitale Portal BuzzFeed. Mit Donald Trumps Sieg bei der Präsidentschaftswahl 2016 wandelte sich die Aufbruchsstimmung in Kampfeswillen. 2017 folgte der weltweit beachtete Slogan „Democracy dies in Darkness“. Bezos brachte sich mit Ideen ein, ohne redaktionell einzugreifen – doch das Glück währte nicht lange.
2. Rote Zahlen und chaotische Führungswechsel
Unter Baron setzte die Washington Post in Trumps erster Amtszeit auf aggressive Berichterstattung. 2021 trat Baron mit 66 Jahren ab, seine Nachfolgerin Sally Buzbee von der Associated Press musste einen Sparkurs einschlagen. Das Geschäftsumfeld wurde schwieriger: Nach Trumps Ausscheiden fehlte der politische Gegner als Klickmotor, und seit dem Corona-Ausbruch 2020 brachen die Anzeigenerlöse ein.
2022 kündigte Herausgeber Fred Ryan tiefe Einschnitte an, 2024 musste Buzbee nach nur drei Jahren gehen. Der Nachfolger Matt Murray blieb kommissarisch im Amt. Verleger William „Will“ Lewis gestand der Redaktion: „Wir verlieren große Summen an Geld.“ Neue Bezahlmodelle und Newsroom-Strukturen sollten helfen, doch die Hoffnungen zerschlugen sich. Bezos blieb im Hintergrund, seine Pläne waren zunächst nebulös.
3. Keine Wahlempfehlung und massiver Abonnentenverlust
Eine der umstrittensten Entscheidungen traf die Washington Post im Wahlkampf 2024: Zum ersten Mal seit 36 Jahren gab sie keine Wahlempfehlung für einen Präsidentschaftskandidaten ab – obwohl es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Kamala Harris und Donald Trump war. Will Lewis schrieb, man kehre zu den Wurzeln zurück, Kandidaten nicht zu unterstützen. Die Entscheidung kam direkt von Bezos.
Die Kritik war massiv. Marty Baron nannte es „Feigheit, ein Moment der Dunkelheit“. Es folgten Protestkündigungen von Journalisten wie Robert Kagan und ein beispielloser Abonnentenschwund: Über 300.000 Kündigungen, mehr als 12 Prozent der digitalen Abonnenten. Baron sprach von einer „selbst verschuldeten Zerstörung einer Marke“.
4. Trumps Amtsantritt und Krise im Meinungsressort
Bei Donald Trumps Amtseinführung war Jeff Bezos anwesend und spendete eine Million Dollar. Einen Monat später folgte die nächste umstrittene Entscheidung: Nach einem Abendessen mit Trump kündigte Bezos auf X massive Einschnitte in den Meinungsseiten an. Die Washington Post werde künftig Artikel veröffentlichen, die persönliche Freiheiten und freie Märkte unterstützen – Gegenpositionen würden anderen überlassen.
Viele empfanden dies als libertäre, marktfreundliche Agenda und Kotau vor Trump. Der Leiter des Meinungsressorts, David Shipley, kündigte, und innerhalb von zwei Tagen verlor die Zeitung 75.000 Abonnenten.
5. Die Massenentlassung und Ressortschließungen
Anfang Februar verkündete Chefredakteur Matt Murray dramatische Einschnitte: 300 von 800 Journalisten wurden entlassen. Ein Angestellter sprach vom „absoluten Blutbad“. Das Sportressort und die Literaturredaktion wurden geschlossen, die Lokalberichterstattung und Fotoredaktion stark beschnitten. Die internationale Berichterstattung wurde reduziert, Korrespondenten im Nahen Osten und in der Ukraine entlassen.
Murray begründete den Schritt mit der Notwendigkeit, sich auf Politik, Regierung, nationale Nachrichten, Wissenschaft, Gesundheit, Medizin, Technologie, Klima und Wirtschaft zu konzentrieren. Kurz danach trat Verleger Will Lewis zurück, um die „nachhaltige Zukunft der Post zu sichern“. Die Washington Post steht exemplarisch für die Krise der Zeitungsbranche – doch bei einem Multimilliardär wie Bezos wirken die Einschnitte besonders drastisch.



