Erschütternde Enthüllungen: Missbrauch im Erzbistum Paderborn weitaus umfangreicher
Eine unabhängige wissenschaftliche Studie der Universität Paderborn hat alarmierende neue Erkenntnisse über sexuellen Missbrauch im Erzbistum Paderborn zutage gefördert. Die Untersuchung, die nun der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, belegt, dass zwischen den Jahren 1941 und 2002 deutlich mehr Priester Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben als bisher angenommen.
Zahlen, die schockieren
Bislang gingen offizielle Angaben der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2018 von 111 beschuldigten Priestern in diesem Zeitraum aus. Diese Zahlen müssen nach den aktuellen Forschungsergebnissen massiv nach oben korrigiert werden, wie die Mitautorin und Historikerin Nicole Priesching erklärte. Die Studie identifiziert nun 210 Hinweise auf beschuldigte Kleriker, denen sexueller Missbrauch an insgesamt 489 Kindern und Jugendlichen vorgeworfen wird.
Die Historikerin legte eine detaillierte Aufschlüsselung nach den Amtszeiten der beiden Kardinäle vor:
- Unter Kardinal Lorenz Jaeger wurden 144 Priester beschuldigt, die 316 Kinder missbraucht haben sollen.
- Unter Kardinal Johannes Joachim Degenhardt waren es 98 Beschuldigte und 195 betroffene Minderjährige.
Insgesamt entspricht dies einem Anteil von 4,35 Prozent aller in diesem Zeitraum beschäftigten Kleriker im Erzbistum.
Systematische Vertuschung durch Kirchenführung
Die Studie wirft den beiden Kardinälen schwere Vorwürfe vor. Unter beiden Amtszeiten sei systematisch versucht worden, die Missbrauchsfälle zu vertuschen und die Täter zu schützen, so die zentrale Erkenntnis der Forscher. Die Opfer und deren Familien seien gezielt unter Druck gesetzt worden, um Anzeigen zurückzuziehen.
Besonders gravierend: Priester, die geständig waren, konnten ihre Arbeit in der Regel fortsetzen, solange die Fälle nicht öffentlich bekannt wurden. Noch im Jahr 2001 habe Kardinal Degenhardt besseren Wissens von Einzelfällen gesprochen und diese als bloße Fehltritte oder unglückliches Verhalten der Kleriker verharmlost.
Die Autoren der Studie konstatieren eine erschreckende Diskrepanz im Umgang mit Tätern und Opfern: Während gegenüber den beschuldigten Priestern große Milde geübt wurde, fehlte es den Kardinälen an jeglichem Verständnis für die betroffenen Kinder und Jugendlichen.
Ausblick auf weitere Aufarbeitung
Für das Jahr 2027 kündigte Professorin Priesching bereits eine zweite Studie an. Diese wird sich mit der Amtszeit von Erzbischof Hans-Josef Becker befassen, der von 2002 bis 2022 an der Spitze des Erzbistums stand. Die fortgesetzte wissenschaftliche Aufarbeitung soll dazu beitragen, das gesamte Ausmaß der Missbrauchsfälle und des institutionellen Versagens vollständig zu erfassen.
Die aktuellen Enthüllungen werfen ein grelles Licht auf die dunklen Kapitel der katholischen Kirche in Deutschland und unterstreichen die dringende Notwendigkeit einer lückenlosen und transparenten Aufarbeitung.



