Paderborner Missbrauchsstudie: 489 Opfer und systematische Vertuschung durch Kirche
Missbrauchsstudie Paderborn: 489 Opfer, Kirche vertuschte

Schockierende Enthüllungen: Paderborner Studie dokumentiert systematischen Missbrauch und Vertuschung

Im Erzbistum Paderborn haben zwischen 1941 und 2002 deutlich mehr Priester Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht als bisher angenommen. Dies ist das zentrale Ergebnis einer unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchung, die die Universität Paderborn am Donnerstag der Öffentlichkeit präsentierte. Die Zahlen sind erschütternd: Während die Deutsche Bischofskonferenz für diesen Zeitraum bisher von 111 beschuldigten Priestern ausging, korrigiert die neue Studie diese Angabe drastisch nach oben.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache

„Diese Zahlen sind stark zu korrigieren“, betonte die Mitautorin und Historikerin Nicole Priesching bei der Vorstellung der Studie. Die aktuellen Erkenntnisse weisen auf 210 beschuldigte Priester hin, die mutmaßlich 489 Kinder und Jugendliche missbraucht haben sollen. Aufgeschlüsselt nach den Amtszeiten der Kardinäle ergibt sich ein düsteres Bild: Unter Kardinal Lorenz Jaeger (1941-1973) wurden 144 Priester beschuldigt, die 316 Kinder missbraucht haben sollen. Während der Amtszeit von Kardinal Johannes Joachim Degenhardt (1974-2002) waren es 98 Beschuldigte und 195 Betroffene.

Insgesamt entspricht dies 4,35 Prozent aller in diesem Zeitraum beschäftigten Kleriker im Erzbistum Paderborn. Die Historikerin Priesching machte deutlich, dass diese Zahlen vermutlich noch nicht das gesamte Ausmaß erfassen: „Beim Dunkelfeld können wir nur spekulieren“, räumte sie ein und verwies auf die wahrscheinlich noch höhere tatsächliche Anzahl von Opfern und Tätern.

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Systematische Vertuschung und Täterschutz

Die Studie enthüllt ein erschreckendes Muster des Umgangs mit den Missbrauchsfällen. Unter beiden Kardinälen sei systematisch versucht worden, die Vorfälle zu vertuschen und die Täter zu schützen. Die Opfer und deren Familien seien gezielt unter Druck gesetzt worden, um Anzeigen zurückzuziehen. Besonders perfide: Selbst wenn Priester Geständnisse ablegten, konnten sie in der Regel ihre Arbeit fortsetzen, solange die Fälle nicht öffentlich bekannt waren.

Die Untersuchung der Vorwürfe oblag typischerweise anderen vorgesetzten Priestern, was zu gravierenden Interessenkonflikten führte. Das soziale Umfeld in den katholischen Kirchengemeinden trug zusätzlich dazu bei, dass die Opfer den Beschuldigten weiter ausgeliefert blieben. Unter Kardinal Degenhardt dienten Therapien für die Priester vor allem dazu, dass diese anschließend ihre Arbeit fortsetzen konnten.

Die zerstörten Kinderseelen

Die Pressekonferenz begann Priesching mit einem bewegenden Blick auf die Opfer. Sie schilderte, wie Kinder vor der Beichte Sätze wie „Ich will schamhaft und keusch sein“ aufsagen mussten – Formulierungen, die es ihnen unmöglich machten, über ihre Sexualität zu sprechen. Den Opfern sei suggeriert worden, sie seien selbst schuld an dem Geschehenen.

„Sie haben sich dreckig gefühlt und gedacht, jeder gucke auf sie“, berichtete die Historikerin. Ein besonders erschütterndes Beispiel schilderte sie detailliert: Ein Opfer habe berichtet, wie ein Priester vor ihm masturbiert habe. Als das Kind daraufhin zu weinen begann, habe der Geistliche weiter Spaß gehabt. „Dann war die Kinderseele zerstört“, resümierte Priesching mit bewegter Stimme.

Forschungsmethodik und weitere Untersuchungen

Für die Studie führten die Wissenschaftlerinnen zahlreiche Interviews mit Opfern und Personalverantwortlichen des Bistums durch. Sie werteten schriftliche Quellen wie Personalakten aus und hatten erstmals Zugang zu bisher geheimen Akten. Die Historikerin bedankte sich ausdrücklich bei den Opfern, die den Mut aufbrachten, sich für die Interviews zu melden.

Bis ins Jahr 2001 habe Kardinal Degenhardt besseren Wissens von Einzelfällen gesprochen und diese als Fehltritte und unglückliches Verhalten der Kleriker bezeichnet. Beide Kardinäle hätten große Milde gegenüber den Priestern gezeigt, während sie gleichzeitig kein Verständnis für die Opfer aufbrachten.

Für das Jahr 2027 kündigte Professorin Priesching bereits eine zweite Studie an, die sich mit der Amtszeit von Erzbischof Hans-Josef Becker (2002-2022) befassen wird. Der noch lebende Erzbischof wird damit ebenfalls wissenschaftlich untersucht.

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Regionale Einordnung und bundesweite Bedeutung

Das Erzbistum Paderborn erstreckt sich mit 1,4 Millionen Katholiken über weite Teile Nordrhein-Westfalens – von Minden im Norden bis Siegen im Süden und von Herne im Westen bis Höxter im Osten. Zusätzlich gehören Teile des Kreises Waldeck-Frankenberg in Hessen und die Stadt Bad Pyrmont in Niedersachsen zum Erzbistum. Als eines von bundesweit sieben Erzbistümern nimmt Paderborn eine Führungsposition in der katholischen Kirche Deutschlands ein.

Bundesweiter Kontext und frühere Untersuchungen

Die Paderborner Studie reiht sich ein in eine Reihe von Untersuchungen zu Missbrauch in der katholischen Kirche. Bereits 2018 hatte eine Studie im Auftrag der Bischofskonferenz ergeben, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1.670 katholische Kleriker 3.677 meist männliche Minderjährige missbraucht haben sollen. Kritiker hatten jedoch bemängelt, dass die Autoren damals keinen Zugang zu Originaldokumenten in den Kirchenarchiven erhalten hatten.

Im benachbarten Bistum Münster wurde 2022 eine unabhängige wissenschaftliche Studie vorgestellt, die zwischen 1945 und 2020 mindestens 196 Kleriker als Täter und 610 minderjährige Opfer von sexuellem Missbrauch identifizierte. Auch hier konnten die Forscher jahrzehntelanges Versagen in der Bistumsleitung sowie Vertuschung und Strafvereitelung durch Personalverantwortliche nachweisen.

Ein im Jahr 2021 veröffentlichtes Gutachten des Strafrechtlers Björn Gercke zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum Köln warf dem heutigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße Pflichtverletzungen bei der Aufarbeitung vor. Heße bot daraufhin Papst Franziskus seinen Rücktritt an, der jedoch abgelehnt wurde. Zwar sah auch der Papst „persönliche Verfahrensfehler Heßes“, doch seien diese nicht mit der Absicht begangen worden, Missbrauchsfälle zu vertuschen.