Ein Hirtensonntag ohne Wolf: Pastorin Bohl liest den 23. Psalm neu
Wenn wir den 23. Psalm „Der Herr ist mein Hirte“ lesen, stellen wir uns eine friedliche Szene vor: Ein Hirte zieht mit seiner Schafherde durch ein grünes Tal, Vögel singen, ein Bach plätschert leise. Doch wo ist eigentlich der Wolf? Diese Frage stellt Pastorin Ulrike Bohl aus Zerrenthin in ihrem aktuellen Wort zum Sonntag. Der Wolf, der in jeder Erzählung über Schafe und Hirten präsent ist, fehlt in diesem biblischen Text völlig.
Der Wolf in unserer modernen Welt
„Und wanderte ich im finstern Tal“ – dieser Vers des Psalms spricht zwar nicht explizit vom Wolf, doch für Pastorin Bohl symbolisiert das „finstere Tal“ die vielen bedrohlichen Nachrichten unserer Zeit. „Die finsteren Nachrichten prasseln täglich auf uns ein und lassen uns ängstlicher werden“, erklärt die Geistliche. Manchmal habe man das Gefühl, dass der Wolf, das Böse, ganz in der Nähe lauere und unser Sicherheitsgefühl bedrohe.
Doch der Psalm gibt dieser Angst keinen Raum. Stattdessen betont er: „Mir wird nichts mangeln.“ Hier setzt Bohl einen interessanten Kontrast. Während frühere Generationen nach dem Krieg echten Mangel erlebten – sie erzählten von nur einer Strickjacke, die sich zwei Schwestern teilen mussten – kennen wir heute materiell keinen Mangel mehr.
Unser moderner Mangel: Die fehlende Dankbarkeit
„Unser Mangel besteht heute darin, dass wir oft nicht mehr wahrnehmen, was wir haben“, stellt Pastorin Bohl fest. Wir haben täglich frisches Wasser, ausreichend Nahrung, ein Dach über dem Kopf und Kleidung im Überfluss. Doch die Dankbarkeit für diese Gaben geht häufig verloren. Diese Dankbarkeit würde uns sehender machen, betont die Pastorin, und uns helfen, die positiven Aspekte unseres Lebens bewusster zu würdigen.
Der Psalm verspricht weiterhin, dass der gute Hirte in jedem Lebensalter an unserer Seite bleibt und wir genug zum Leben haben werden: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.“ Diese Zusage sieht Bohl als eine schönere, hoffnungsvollere Sicht auf das Leben, die gerade in unsicheren Zeiten Halt geben kann.
Eine Einladung zum Wiederlesen
Am kommenden Sonntag ist Hirtensonntag. Pastorin Ulrike Bohl lädt dazu ein, den 23. Psalm einmal neu zu lesen – mit der Frage im Hinterkopf, wo in unserem Leben der Wolf lauert und wo wir stattdessen die schützende Gegenwart des guten Hirten erkennen können. Vielleicht entdecken wir dabei, dass die Abwesenheit des Wolfs im Psalm keine Naivität ist, sondern eine Einladung zum Vertrauen, das selbst in finsteren Tälern trägt.



