Überlebende sexueller Gewalt demonstrieren vor Kanzleramt: „Wir stehen für die Kinder, die wir waren“
Überlebende sexueller Gewalt demonstrieren vor Kanzleramt

Schweigeminute vor dem Kanzleramt: Überlebende sexueller Gewalt brechen das Schweigen

Manchmal spricht Stille lauter als tausend Worte. Um Punkt 12 Uhr am Dienstag verharrten fast fünfhundert Menschen vor dem Bundeskanzleramt in Berlin in einer bewegenden Schweigeminute. Dieser stille Protest markierte den Auftakt einer Demonstration, die von Frauen organisiert wurde, die selbst Opfer sexualisierter Gewalt wurden. Sie zeigten ihre Gesichter, anstatt sich zu verstecken – ein kraftvolles Signal gegen das jahrzehntelange Schweigen.

„Justice for Survivors“: Lena Jensen organisiert Protest nach Epstein-Akten

Die Demonstration stand unter dem Motto „justiceforsurvivors“ und wurde von Lena Jensen (32) initiiert. Nach der Veröffentlichung der sogenannten Epstein-Akten, die weltweit über Täter diskutieren ließen, fordert Jensen, dass endlich mehr über die Betroffenen gesprochen wird, die oft noch Kinder waren. „Es schockiert mich, dass es offenbar erst die Akten eines toten Mannes braucht, damit man Überlebenden Glauben schenkt“, erklärt die Berlinerin, die selbst als Kind missbraucht wurde. Die Täter in ihrem Fall wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Mit lauter Stimme ruft sie den Versammelten zu: „Wir stehen hier für die Kinder, die wir einmal waren!“

Kinderfotos als Symbol: Jenny Kuschel und andere zeigen ihre Vergangenheit

Vor den Toren des Kanzleramts hielten viele Frauen Kinderfotos von sich in den Händen. Jenny Kuschel (37) ist eine von ihnen. Sie wurde vom vierten bis achten Lebensjahr missbraucht und betont: „Schweigen hat niemanden geschützt, im Gegenteil.“ Ihr geht es nicht um Mitleid, sondern um Gerechtigkeit und verbesserte Unterstützung. „Therapien für Betroffene müssen zugänglicher werden. Wir werden kämpfen, bis sich etwas ändert“, sagt sie entschlossen.

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Bürokratische Hürden: Florina Rehfeldts Kampf um Aufklärung

Florina Rehfeldt (31) aus Hamburg erfuhr erst vor einem Jahr durch ihre Jugendamtsakte von ihrem eigenen Missbrauch. Seitdem leidet sie unter Flashbacks. Doch die Aufklärung wird durch bürokratische Hindernisse blockiert: Sie durfte nur die Hälfte ihrer Akte einsehen, für den Rest benötigte sie die Zustimmung der Täter. In sozialen Medien teilt sie ihre Erfahrungen und erhielt zahlreiche Nachrichten von Menschen in ähnlichen Situationen. „Mir haben viele geschrieben, denen es auch so geht“, berichtet sie.

Gemeinsame Stärke: Bonnie Leben und Lisa Gläschig finden Solidarität

Bonnie Leben (25), die die Demonstration über Instagram mitorganisierte, ist überwältigt von der großen Teilnehmerzahl. „Wir haben uns zusammengeschlossen, weil wir wütend waren, und aus dieser Energie wollen wir etwas Großes schaffen“, erklärt die Berlinerin. Ihr Ziel ist es, das Thema Kinderschutz fest im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern.

Lisa Gläschig (23) reiste zwölf Stunden aus der Nähe von Karlsruhe an. Vor drei Jahren zeigte sie einen Täter an, doch das Verfahren wurde eingestellt, nachdem ein Gutachten ihre Erinnerungen infrage stellte. Ihr Kampf kostete sie sogar den Kontakt zu ihrer Familie. Dennoch sagt sie: „Der heutige Tag gibt mir Kraft, weil ich noch nie mit so vielen Betroffenen an einem Ort war.“

Forderungen an die Politik: Aktuelle Stunde im Bundestag gefordert

Lena Jensen fordert eine Aktuelle Stunde im Bundestag, damit die Politik den Überlebenden zuhört. „Die Täter sollten sich schämen, nicht die Kinder. Wir wollen das umdrehen und uns nie wieder zum Schweigen bringen lassen“, appelliert sie. Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 16.354 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch angezeigt – eine Zahl, die nach Ansicht der Demonstrantinnen nur die Spitze des Eisbergs darstellt.

Ein Stück Anonymität gebrochen: Demonstration nach 45 Minuten aufgelöst

Nach 45 Minuten wurde die Demonstration aufgelöst, doch die Wirkung bleibt. Die Anonymität, die Täter über Jahrzehnte geschützt hat, ist ein weiteres Stück zerbrochen. Die Frauen, die sich in Berlin versammelten, wissen nun, dass sie ihren Kampf für Gerechtigkeit nicht mehr allein führen müssen. Aus der Gemeinschaft schöpfen sie neue Kraft, um weiter für Aufklärung, bessere Therapieangebote und gesellschaftliche Veränderungen zu kämpfen.

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