Neues Frauenhaus in Berlin: Ein sicherer Hafen für gewaltbetroffene Frauen und Kinder
Die Dunkelziffer ist erschreckend hoch, doch die offiziellen Zahlen sprechen bereits eine deutliche Sprache: Etwa alle zwei Minuten wird in Deutschland ein Mensch Opfer häuslicher Gewalt, wobei Frauen besonders häufig betroffen sind. In Berlin gibt es nun eine weitere wichtige Anlaufstelle für Schutzsuchende. Seit dem 12. Januar 2026 ist im Süden der Hauptstadt das neunte Frauen- und Kinderschutzhaus geöffnet, das bereits 18 Frauen und 13 Kindern Zuflucht bietet.
Geheime Aufnahme und umfassendes Sicherheitskonzept
Der erste Kontakt erfolgt in der Regel über die rund um die Uhr erreichbare Hilfshotline. „Dann gilt es, wichtige Fragen zu klären: Welche Sprache spricht die Frau? Wo wohnt der Gefährder? Wie viele Kinder sind betroffen?“, schildert die pädagogische Leiterin der neuen Einrichtung, deren Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt wird. Wenn sich die Frau auf das Sicherheitskonzept einlässt, wird sie an einem geheimen Ort abgeholt, um sie und ihre Kinder möglichst weit entfernt vom bisherigen Umfeld unterzubringen.
Zum Schutz der Bewohnerinnen bleibt der neue Aufenthaltsort geheim. Das bedeutet unter anderem:
- Keine Nutzung sozialer Medien
- Herausforderungen bei behördlichen Angelegenheiten wie Schulwechsel oder polizeilicher Anmeldung
- Strikte Geheimhaltung der Adresse
Besonderheit: Aufnahme von Söhnen bis zur Volljährigkeit
Die neue Einrichtung mit ihren 10 Wohnungen und 26 Familienplätzen, die für rund 2,5 Millionen Euro entstanden ist, setzt einen besonderen Schwerpunkt auf Frauen mit Kindern. „Denn Kinder machen in der Regel mehr als die Hälfte der Bewohnenden in den Häusern aus“, erklärt Sozial- und Gleichstellungssenatorin Cansel Kiziltepe (SPD). Ein Novum ist die Möglichkeit, dass Söhne betroffener Frauen bis zur Volljährigkeit bei der Mutter bleiben können.
„Wenn Frauen Söhne haben, die nicht mit aufgenommen werden, gehen sie oft nicht ins Frauenhaus“, berichtet die pädagogische Leiterin. Diese Regelung entlastet sowohl die Mütter als auch die Jungen, die laut Leiterin „unendlich dankbar sind, dass Mama einen Platz hat“.
Unterstützungsangebote und Ausstattung
Die Bewohnerinnen finden ein Haus mit freundlicher Atmosphäre vor:
- Weiße Wände mit grauen Vorhängen und Sofas
- Grüne Sitzkissen und echte Grünpflanzen
- Spielzimmer für kleine Kinder
- Computer und Kicker-Spiel für Teenager
Fachkräfte bieten umfassende Unterstützung:
- Psychosoziale Beratung durch Sozialarbeiterinnen
- Psychologische Betreuung
- Pädagogische Unterstützung für Kinder durch zwei Erzieherinnen
Berlin rückt näher an Istanbul-Konvention heran
Mit der Eröffnung des neunten Frauenhauses verfügt Berlin nun über 393 Familienplätze mit 859 Betten für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder. „Berlin rückt der vollständigen Umsetzung der Istanbul-Konvention einen Schritt näher“, betonte Senatorin Kiziltepe. Die Vorgaben sehen 390 kostenfreie Familienplätze vor, von denen Berlin derzeit 239 bereitstellt. Weitere 40 Plätze sollen noch in diesem Jahr entstehen.
Zusätzlich gibt es sogenannte Zufluchtswohnungen mit 154 Familienplätzen, wobei Betroffene hier die Miete selbst finanzieren müssen. Martin Hoyer, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin, betont: „Mehr Plätze sind angesichts der erschreckend hohen und weiter zunehmenden Zahl von häuslicher Gewalt dringend nötig.“
Finanzierung und politischer Rahmen
Für den Gewaltschutz stehen 2026 rund 37,5 Millionen Euro zur Verfügung, 2027 sind es 43,1 Millionen Euro. Das Berliner Abgeordnetenhaus hat zusätzlich 19,3 Millionen Euro für die Jahre 2026 und 2027 für neue Plätze bereitgestellt. Die Istanbul-Konvention von 2011, die seit Februar 2018 in Deutschland gilt, verpflichtet die Unterzeichnerstaaten zu politischen und rechtlichen Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt.
Alarmierende Zahlen zur häuslichen Gewalt
Die Statistik des Bundeskriminalamtes zeigt 2024 einen traurigen Rekord: 265.942 Menschen waren von häuslicher Gewalt betroffen – so viele wie noch nie. Das entspricht einem Anstieg von 3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Unter den Opfern waren mehr als 187.000 Frauen (70,5 Prozent im Jahr 2023). Diese Zahlen verdeutlichen den dringenden Bedarf an Schutzräumen wie dem neuen Berliner Frauenhaus, das einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen häusliche Gewalt leistet.



