Der Alltag einer Familienhelferin: Mehr als nur Teddybären und Papierkram
In einem Lagerraum voller gespendeter Kleidung, Bücher und Spielzeug steht Claudia Fischer-Stabla und sucht nach einem besonderen Mitbringsel. Ihre Hand greift nach einem Teddybären mit weichem Fell, Knopfaugen und einem aufgestickten Lächeln. "Der ist super", sagt die 37-Jährige. "Den nehme ich gleich mit." Für Claudia ist dieser Plüschtier nicht nur ein Spielzeug, sondern ein Symbol der Hoffnung – ein Geschenk für einen vierjährigen Jungen, der seine Mutter seit neun Monaten nicht gesehen hat.
Ein Beruf zwischen Menschlichkeit und Bürokratie
Claudia arbeitet seit etwa 15 Jahren als Familienhelferin bei der Jugendhilfe-Organisation Venito in Hannover. Ihr Team besteht aus 48 Kolleginnen und Kollegen, die alle vom Jugendamt der Stadt beauftragt werden, Familien in schwierigen Situationen zu betreuen. In Deutschland haben alle Familien ein Recht auf solche Hilfe, wenn sie allein nicht sicherstellen können, dass es ihren Kindern gut geht. Die Gründe sind vielfältig: schwere Krankheiten, Armut, Konflikte oder andere Notsituationen.
"Für mich war das immer ein Traumberuf", erzählt Claudia, die Soziale Arbeit studiert und ein Anerkennungsjahr absolviert hat. "Meine Eltern haben mir beigebracht, dass man für andere Menschen da sein muss." Diese Einstellung prägt ihren Arbeitsalltag, der gleichermaßen von emotionaler Nähe und notwendiger Distanz bestimmt wird.
Die Begegnung mit Lena: Eine Geschichte von Überforderung und Hoffnung
An diesem Tag besucht Claudia Lena*, eine 24-jährige Mutter, die vor kurzem Zwillinge bekommen hat und mit der Situation völlig überfordert ist. Lena hat insgesamt fünf Kinder, doch die drei ältesten leben nicht mehr bei ihr – eine Entscheidung des Jugendamtes, weil sich die junge Mutter nicht ausreichend um sie kümmern konnte. Ihr ältester Sohn wohnt eine Stunde entfernt in einem Kinderheim. Lena könnte ihn besuchen, aber das Geld für die Anfahrt fehlt.
"Ich begleite Lena seit drei Monaten", erklärt Claudia. Mehrmals pro Woche besucht sie die junge Frau. "Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Das ist nicht selbstverständlich. Manchmal dauert es ein wenig, bis die Familien mir vertrauen." Heute bringt Claudia nicht nur den Teddybären mit, sondern auch einen Kinderwagen, den sie von einer Freundin erhalten hat.
Praktische Hilfe im Alltag
In Lenas Wohnung angekommen, zeigt sich schnell, worum es in Claudias Arbeit wirklich geht: um praktische Unterstützung im täglichen Überlebenskampf. Lena hatte kein liebevolles Elternhaus und hat viele Dinge nie gelernt, die für andere Erwachsene selbstverständlich sind – zum Beispiel das Erledigen von Behördengängen.
Gemeinsam setzen sich die beiden Frauen hin, um einen Brief an eine Behörde zu verfassen. Es geht um Kindergeld, auf das Lena für ihre Zwillinge Anspruch hat. Claudia diktiert, Lena schreibt. Auf dem Arm hält die junge Mutter eines ihrer Babys, in der Hand den wichtigen Brief. Zwei Stunden später ist der Umschlag fertig, und Claudia verspricht, ihn zur Post zu bringen.
Grenzen setzen und Vertrauen aufbauen
Nicht alle Begegnungen verlaufen so harmonisch wie die mit Lena. "Ab und an werden Gespräche zu Gebrüll", beschreibt Claudia die schwierigeren Seiten ihres Berufs. "Wenn ich angeschrien werde, ist es wichtig, Grenzen zu ziehen. Ich stelle die Leute vor die Wahl: Entweder sie beruhigen sich, oder ich breche den Besuch ab."
Diese professionelle Distanz ist ebenso wichtig wie die menschliche Nähe. Claudia geht meist zu Fuß zu ihren Familienbesuchen. "Die frische Luft und die Bewegung machen den Kopf frei", sagt sie. Nach emotional aufwühlenden Begegnungen tut ihr das gut.
Ein Beruf mit Licht und Schatten
Was ist das Schönste an diesem Beruf? "Zu sehen, wie Eltern und Kinder ihre Stärken finden und daran wachsen", antwortet Claudia ohne Zögern. Und das Schlimmste? "Mitzubekommen, wenn Kinder von ihren Eltern getrennt werden."
In Deutschland arbeiten etwa 375.000 Menschen im Bereich der Sozialen Arbeit, wobei Familienhelferinnen und -helfer nur einen kleinen Anteil ausmachen. Die Ausbildung dauert vier bis sechs Jahre und umfasst ein Studium der Sozialen Arbeit sowie eine staatliche Anerkennung. Das Gehalt bewegt sich zwischen 2.900 und 4.100 Euro monatlich.
Gefragt sind vor allem Offenheit gegenüber anderen Menschen, Kulturen und Sprachen, Gelassenheit in aufgeregten Situationen und viel Geduld. "Für Schüchterne ist der Beruf eher nichts", sagt Claudia, "weil man häufig fremde Leute kennenlernen muss. Auch sehr Sensible brauchen ein dickes Fell, und Unflexible müssen sich zeitlich nach den Familien richten."
Ein Teddybär als Brücke
Zurück bei Lena: Die junge Mutter freut sich über den Teddybären und den Kinderwagen. "Ich hoffe, dass die beiden da auch reinpassen", sagt sie und meint ihre Zwillinge. Später wird sie den Plüschtier ihrem ältesten Sohn schenken, wenn sie ihn endlich wieder sieht – dank Claudias Unterstützung bei der Organisation des Besuchs.
"Ich bin sehr froh, dass ich Claudia habe", sagt Lena zum Abschied. "Ohne sie wäre es schwierig." Für Claudia ist das mehr als nur ein Kompliment – es ist die Bestätigung, dass ihre Arbeit einen Unterschied macht. In einem Beruf, in dem Teddybären manchmal die Brücke zwischen getrennten Herzen bilden und Behördenschreiben über Lebensqualität entscheiden.
* Name von der Redaktion geändert



