Dunkelfeldstudie enthüllt erschreckendes Ausmaß von Gewalt in Partnerschaften
Die Bundesregierung hat erstmals eine umfassende Dunkelfeldstudie vorgelegt, die das wahre Ausmaß von Gewalt in Familie, Partnerschaft und im öffentlichen Raum in Deutschland beleuchtet. Die Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ wurde vom Bundesinnenministerium, Familienministerium und Bundeskriminalamt in Auftrag gegeben und von Juli 2023 bis Januar 2025 durchgeführt. Dabei befragte das Umfrageinstitut Verian 15.479 Menschen repräsentativ zu ihren Gewalterfahrungen, mit einem besonderen Fokus auf Partnerschaftsgewalt.
Hohe Dunkelziffer und niedrige Anzeigequoten
Familienministerin Karin Prien (CDU) beschrieb die Studie als „Taschenlampe ins Dunkel“, die das bisher verborgene Ausmaß der Gewalt aufdeckt. Innenminister Dobrindt zeigte sich besorgt über die Ergebnisse: Unter fünf Prozent der Gewalttaten in Partnerschaften werden zur Anzeige gebracht. „Fast jede sechste Person erlebt körperliche Gewalt in der Partnerschaft – und 19 von 20 Taten werden nicht angezeigt“, ergänzte Prien. Betroffene Frauen stecken oft in einer „extrem komplexen Lage“ und fürchten Folgen für sich, ihre Kinder, Wohnsituation und Existenz.
Geschlechtsspezifische Unterschiede und Betroffenheit
Die Studie erfasst erstmals auch die Situation von Männern und zeigt, dass ähnlich viele Männer wie Frauen psychische und körperliche Gewalt in Paarbeziehungen erleben. Allerdings ist die Häufigkeit und Schwere der Gewalt gegen Frauen deutlich höher. Frauen haben größere Angst, tragen mehr Verletzungen davon und schätzen die Lebensgefahr höher ein. Besonders auffällig sind die Geschlechterunterschiede bei sexueller Belästigung: Mehr als 80 Prozent der 16- bis 24-jährigen Frauen haben in den vergangenen fünf Jahren Erfahrung mit sexueller Belästigung ohne Körperkontakt gemacht. 6,4 Prozent der jungen Frauen berichten über Erfahrungen mit K.-o.-Tropfen, was Dobrindt als „besonders widerwärtige Form der Gewaltausübung“ bezeichnete.
Psychische und körperliche Gewalt in Partnerschaften
Knapp 49 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer erlebten mindestens einmal in ihrem Leben psychische Gewalt in einer Beziehung oder Ex-Beziehung. In den vergangenen fünf Jahren verschwinden diese Geschlechterunterschiede, wobei Männer eine starke Betroffenheit aufweisen und vergleichsweise häufig Opfer von kontrollierender Gewalt sind. Allerdings weisen Frauen über alle psychischen Gewaltformen hinweg eine höhere Inzidenz auf und schätzen die Situation als schwerwiegender ein. Die Anzeigequoten für psychische Gewalt liegen im Schnitt unter drei Prozent.
Körperliche Gewalt durch Partner oder Ex-Partner haben in ihrem Leben 18 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer mindestens einmal erlebt. In den vergangenen fünf Jahren waren 5,2 Prozent der Frauen und 6,1 Prozent der Männer betroffen. Frauen sind nicht nur häufiger von Gewalt betroffen, sondern empfinden auch mehr Angst und bewerten die Erfahrungen als schwerer. Die Anzeigequote liegt bei Frauen bei 2,7 Prozent und bei Männern bei 3,5 Prozent.
Sexuelle Gewalt und digitale Gewalt
Sexuelle Belästigung ohne Körperkontakt haben im Verlauf des Lebens mehr als jede zweite Frau (56,7 Prozent) und fast jeder vierte Mann (23,5 Prozent) erlebt. Von sexueller Belästigung mit Körperkontakt berichten 40,8 Prozent der Frauen und 12,3 Prozent der Männer. In den vergangenen fünf Jahren waren Frauen mit 36,3 Prozent deutlich häufiger betroffen als Männer mit 16,3 Prozent. Die Inzidenz ist bei Frauen bei sexueller Belästigung ohne Körperkontakt dreimal und mit Körperkontakt viermal so hoch wie bei Männern.
Jede zehnte Person hat innerhalb ihres Lebens eine sexuelle Handlung gegen ihren Willen erfahren. In den vergangenen fünf Jahren waren es vier Prozent der Frauen und 1,4 Prozent der Männer. Frauen sind häufiger und schwerer betroffen: 31 Prozent berichten von körperlichen Folgen, 16,4 Prozent empfanden Lebensgefahr. In fast der Hälfte der Fälle waren die Täter Partner oder Ex-Partner.
Erstmals erfasst die Studie auch digitale Gewalt wie psychische Gewalt, sexuelle Belästigung und Stalking im digitalen Raum. Jede fünfte Frau (20 Prozent) und jeder siebte Mann (13,9 Prozent) waren in den vergangenen fünf Jahren davon betroffen.
Maßnahmen und Unterstützung
Prien betonte, dass Schweigen und fehlende Anzeigebereitschaft kein individuelles Versagen seien, sondern Ausdruck von Angst und fehlenden Zugängen zu Hilfe. „Genau deshalb bauen wir Hürden ab und schaffen mit dem Gewalthilfegesetz ein verlässliches, flächendeckendes Schutznetz“, so Prien. „Schuld und Scham liegen immer bei den Tätern, niemals bei den Betroffenen.“
Dobrindt verwies auf eine Tarn-App zur rechtssicheren Dokumentation von Verletzungen und kündigte an, dass Gewalttäter zum Tragen einer Fußfessel verurteilt werden können, ähnlich dem spanischen Modell. Dies ermögliche es Opfern, sich im Alltag frei zu bewegen und sicher zu sein, dass sich der Täter nicht nähert.



