Rostocker Hochhaus-Drama: Letzter Mieter trotzt Abrissplänen in Ziolkowskistraße
In der Rostocker Südstadt bietet sich ein gespenstisches Bild: Die Klingelschilder in der Ziolkowskistraße 11 zeigen nur noch Nummern, hinter den Fenstern bleibt es weitgehend dunkel, und die Briefkästen sind abgeklebt. Nur ein einziger Name prangt noch auf den Klingelschildern des zwölfgeschossigen Hochhauses. Bereits im Sommer 2024 hatte die Wohnungsgenossenschaft Süd als Eigentümerin allen 120 Mietern die Kündigung ausgesprochen – mit einer Frist von einem Jahr. Der Grund: Das Gebäude aus den 1960er Jahren ist dringend sanierungsbedürftig und soll nun abgerissen werden.
Räumungsklage gegen letzten verbliebenen Mieter
„Wir haben eine Räumungsklage eingereicht“, erklärt Anja Sawitzki, Vorständin der WG Süd. Denn obwohl das Gebäude bald zurückgebaut werden soll, muss die Genossenschaft den Betrieb weiter aufrechterhalten. Sawitzki rechnet damit, dass sich die Angelegenheit innerhalb der nächsten zwei Monate klären wird. Der Umzug aller anderen Mieter verlief hingegen reibungslos: Einige fanden Unterkunft in anderen Wohnungen der WG Süd, während andere von Wohnungsunternehmen wie der WG Schiffahrt-Hafen und der Wiro aufgenommen wurden. „Wir haben den langjährigen Mietern sogar die Umzugskosten bezahlt“, betont Sawitzki.
Stadtplanung und Genossenschaft favorisieren unterschiedliche Konzepte
Was nach dem Abriss entstehen soll, ist jedoch umstritten. Die WG Süd plant zwei Gebäude mit fünf und acht Geschossen zu einem geschätzten Kostenpunkt von 22 bis 23 Millionen Euro. Die Stadtverwaltung hingegen besteht auf einem neuen Hochhaus, da der marode Zwölfgeschosser Teil eines Ensembles von vier Hochhäusern entlang des Südrings ist. „Diese Gebäude sind, zusammen mit dem Hyparschalenbau ‚Kosmos‘, prägend für die Südstadt und damit aus städtebaulicher Sicht sowie zur Identifikation mit dem Stadtteil von besonderer Bedeutung“, erläutert Rathaussprecherin Kerstin Kanaa.
Die Stadt lehnte sogar einen Bauvorbescheid ab, den die WG Süd beantragt hatte, um die Genehmigungsfähigkeit ihrer Pläne zu prüfen. Dagegen legte die Genossenschaft Klage ein, die derzeit beim Verwaltungsgericht Schwerin ruht. „Weil wir prüfen, ob wir uns finanziell als Wohnungsgenossenschaft dieses Hochhaus leisten können“, erklärt Sawitzki. Ein Planungsbüro wurde mit einer Entwurfsplanung samt Kostenschätzung beauftragt. „Wenn die Kostenschätzung im Rahmen ist, werden wir eine Baugenehmigung zum Bau eines Hochhauses einreichen“, so die Vorständin. Geschätzte 25 Millionen Euro würde ein neues Hochhaus kosten.
Sanierung keine Option – zu hohe Mieten würden folgen
Eine erneute Sanierung des bestehenden Gebäudes schließen die Vorstände kategorisch aus. Zwar wäre eine Sanierung mit geschätzten 15 Millionen Euro zunächst günstiger als ein Neubau, doch die Restnutzungsdauer würde sich selbst bei einer Komplettsanierung nur um maximal 20 bis 25 Jahre erhöhen. „In dieser Zeit müssten die 15 Millionen Euro refinanziert werden, was zu einer Kaltmiete von über 20 Euro pro Quadratmeter führen würde“, rechnet Björn Rudolph, Vorstand der WG Süd, vor. „Das wollen wir nicht, wir wollen ein sozialorientierter Vermieter sein.“
Die Kaltmieten in den neuen Gebäuden der WG Süd liegen in der Südstadt aktuell bei 14 bis 15 Euro pro Quadratmeter. Ein neues Hochhaus hingegen könnte etwa 80 Jahre genutzt werden. Die Sanierungskosten würden vor allem durch die Umsetzung der Hochhausrichtlinie MV von 2009, insbesondere der Brandschutzvorschriften, in die Höhe getrieben. Zudem müssten die komplette Elektrik, alle 120 Balkone erneuert und das undichte Dach saniert werden.
Gründungsstandort mit emotionaler Bedeutung
„Wir haben schon darüber nachgedacht, das Gebäude zu verkaufen, damit wir diesen Ballast loswerden, aber am Ende kam es nicht infrage“, gesteht Sawitzki. Der Standort sei nicht nur „toll“, sondern habe auch emotionale Bedeutung: „Der Standort ist unser Gründungsstandort“, ergänzt Rudolph. Die WG Süd möchte den Mietern dort wieder Wohnungen anbieten, allerdings in veränderter Form: Statt der bisherigen Einraumwohnungen plant die Genossenschaft Zwei- bis Fünfraumwohnungen, da sich die Südstadt zunehmend zu einem Familienviertel entwickelt.
Trotz der unterschiedlichen Vorstellungen betonen sowohl WG Süd als auch Stadtverwaltung, dass die Gespräche konstruktiv verlaufen. „Wir haben jetzt klar unsere Grenzen kommuniziert, und wenn wir in diesen sind, können wir es machen. Aber wir sind eine kleine Genossenschaft und wir werden unsere Genossenschaft nicht einem wirtschaftlichen Risiko aussetzen“, erklärt Rudolph. „Am Ende wollen wir das so bauen, dass wir Mieten erzielen, die wir auch verantworten können“, fügt Sawitzki hinzu.
Wenn alles nach Plan verläuft, rechnen die Vorstände damit, dass bis zum Jahresende eine Baugenehmigung eingereicht werden kann. Die WG Süd verfügt aktuell über rund 2200 Wohnungen in ganz Rostock, wovon ein Viertel in der Süd- und Innenstadt liegt. Parallel laufen bereits zwei weitere Neubauprojekte: In der Majakowskistraße entstehen 40 Zwei- bis Vierraumwohnungen, die im April und Mai 2026 bezugsfertig sein sollen, und in der Schwaaner Landstraße werden 28 Drei- bis Vierraumwohnungen bis zum 1. Juni fertiggestellt.



