BRK-Großübung in der Allianz Arena: Katastrophenszenario mit Söder und Dobrindt
BRK-Großübung in der Allianz Arena mit Söder und Dobrindt

Schreie hallen über das Gelände neben der Allianz Arena. Menschen liegen auf dem Boden, manche ringen nach Luft, andere rufen verzweifelt um Hilfe. Sirenen nähern sich aus der Ferne, während Einsatzkräfte des Bayerischen Roten Kreuzes herbeieilen, um die große Masse an Verletzten zu versorgen. Doch keine Sorge: Im Fußballstadion ist keine Notfallsituation ausgebrochen. Was am Montagabend wie ein echter Großeinsatz wirkt, ist eine groß angelegte Leistungsdemonstration des BRK.

Das Szenario: Ein Chemieunfall in der Menschenmenge

Das angenommene Szenario: Bei einem Unfall in einer Menschenmenge tritt aus einem Fahrzeug zunächst ein unbekannter chemischer Stoff aus. Mehr als 75 Einsatzkräfte und Verletztendarsteller simulieren die Folgen der Katastrophe. Für den Beobachter sieht es zunächst nach purem Chaos aus: Verletzte bleiben liegen, die Versorgung verzögert sich, immer mehr Hilferufe werden laut. Die Retter haben aber freilich einen Plan.

Nach etwa fünf Minuten, die sich beim Zuschauen wie eine Ewigkeit anfühlen, treffen die ersten Rettungswagen ein. Kurz darauf folgt ein Gerätewagen des Rettungsdienstes, weitere Einsatzfahrzeuge rollen an. Die Luftrettung landet unter schweren Bedingungen vor der Allianz Arena.

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Herausforderungen bei der Landung und Dekontamination

Doch dann treten schon die ersten Probleme auf: Über der Einsatzstelle kreist ein Rettungshubschrauber. Wegen des starken Winds, so wirkt es zumindest, hat die Besatzung Schwierigkeiten bei der Landung. Währenddessen verlieren die Helfer am Boden keine Zeit: Den um Luft ringenden Verletzten muss geholfen werden. Und zwar, so das Szenario, während ein unbekanntes Gift sich in der normalerweise mit Fußballfans gefüllten Arena verbreitet.

Einsatzkräfte in Schutzanzügen bewegen sich durch den Gefahrenbereich. Die sogenannten Sichter – man erkennt sie an dem Schachbrettmuster auf ihren Warnwesten – begutachten Patienten und entscheiden, wer zuerst versorgt werden muss. Das folgt einem klaren System: Rote Anhängerkarten, die sie den Betroffenen um den Hals hängen, markieren Schwerverletzte, die sofort behandelt werden müssen. Bei zwei roten Karten ist es besonders brenzlig. Gelbe Karten kennzeichnen Verletzte mit geringerer Priorität.

Besonders im Fokus steht die Dekontamination, sprich: Der gefährliche Stoff muss, so formulieren es die Helfer, "abgeduscht" werden. Drei Personen hat es in der Allianz Arena besonders erwischt: Sie sind direkt mit dem Gefahrstoff in Kontakt gekommen und werden zu einer speziellen Dekontaminationsstelle gebracht. Dort schneiden Helfer Kleidung auf, versorgen Ausschläge und wickeln Betroffene in etwas ein, das für den Laien aussieht wie eine große Menge Frischhaltefolie. Anschließend erfolgt der Abtransport in Behandlungszelte. Parallel versorgen weitere Retter die nicht Kontaminierten in einer Unfallhilfsstelle.

Digitalisierung als Helfer

Ein weiterer Helfer: die Digitalisierung. Während auf dem Gelände Rettungsfahrzeuge ein- und ausfahren, überwachen die drei Übungsleiter die Lage über einen großen Bildschirm. Immer wieder treffen neue Kräfte ein. Mindestens 30 Helferinnen und Helfer arbeiten an der Versorgung der Verletzten. Auch ein Transporthubschrauber sowie Kräfte der Bundespolizei Fliegerstaffel Oberschleißheim sind eingebunden. Das große Besteck – und laut BRK ein Zeichen dafür, wie komplex und gefährlich solche Einsatzlagen im Ernstfall sein können.

Politiker vor Ort: Söder und Dobrindt verfolgen die Übung

Im Stadion schauen deshalb an diesem Abend die geladenen Politiker auch nicht den Bayern beim Kicken zu, sondern verfolgen den Ernstfall mit passender Mine. Vor Ort sind etwa Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Innenminister Joachim Herrmann (alle CSU).

Und neben dem Spektakel hat BRK-Präsident Hans-Michael Weisky natürlich auch eine Forderung an die anwesenden Herren im Gepäck: Viele Helferinnen und Helfer seien ehrenamtlich aktiv und müssten für Übungen Urlaub nehmen. Anders als Feuerwehr oder THW hätten Hilfsorganisationen bislang keinen generellen Anspruch auf Freistellung. "Wer nicht üben kann, kann im Einsatz nicht funktionieren. Was wir heute gesehen haben, ist vor allem eines: ehrenamtliches Engagement", sagte Weisky.

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Appell zur Helfergleichstellung

Die sogenannte Helfergleichstellung ist ein Appell, den das BRK schon lange an die Politik richtet. Bisher biss man aber eher auf Granit. Interessant daher: Bundesinnenminister Dobrindt sprach sich für gleiche Rechte für alle Helfer bei Übungen dieser Art aus. "Eine Gesellschaft, die Resilienz einfordert, muss schlicht die Bereitschaft auch haben, diejenigen zu unterstützen, die diese Resilienz bieten. Und dazu gehört auch Helfergleichstellung", sagte der CSU-Politiker. Söder schloss sich an: Ein "Schulterklopfen ist schnell gemacht", sagte er, doch "das wird nicht reichen".

Aktuell gilt die Freistellung für Helfer in Bayern nur für das THW und die Feuerwehr – nicht aber für andere Ehrenamtliche.

Ein kleiner Fußballvergleich

Einen kleinen Fußballvergleich kann sich der FC-Nürnberg-Fan freilich auch nicht verkneifen, als er den Einsatz der Helfer lobt: "Das ist einfach Champions League, das passt ja hier perfekt", sagt er und zeigt lächelnd auf die Allianz-Arena.

Und die Verletzten? Scheinen gerettet, nach allem, was von der Seitenlinie zu erkennen ist. Und sie können glücklicherweise alleine aufstehen und das Stadion verlassen, als es schließlich zu regnen anfängt. Das könnte im Ernstfall ganz anders aussehen. Umso mehr gilt: Wenn's drauf ankommt, sollte man vorbereitet sein.