Gemeinsames Schweigen und Erinnern: Wittenburg gedenkt der Opfer von Bobzin
In der evangelischen St. Bartholomäus-Kirche in Wittenburg versammelten sich am Donnerstagabend mehr als 100 Menschen aus der gesamten Region zu einer bewegenden Gedenkandacht. Der Anlass war das tragische Familiendrama im nahegelegenen Bobzin, bei dem am vergangenen Wochenende eine 38-jährige Mutter und ihre Tochter tot in einem Mehrfamilienhaus aufgefunden worden waren. Die Ermittlungsbehörden gehen von einem erweiterten Suizid aus, bei dem die Mutter zunächst ihr Kind und dann sich selbst getötet haben soll.
Die Kirche als geschützter Raum für Emotionen
Pastor Martin Waack, der zu der Trauerandacht eingeladen hatte, betonte die besondere Funktion des Kirchenraums: „Unsere Kirche ist ein geschützter Raum, in dem Emotionen sein dürfen“, erklärte er den Versammelten. Aus diesem Grund bat er auch eindringlich darum, auf Film- und Fotoaufnahmen während der Andacht zu verzichten. „Wir sind hier zusammengekommen, um miteinander zu schweigen, uns zu erinnern und auch, um mit unseren Gefühlen nicht allein zu sein“, führte der Theologe weiter aus.
Die Tragödie von Bobzin sei für die Hinterbliebenen und die gesamte Gemeinschaft nicht zu verstehen, dennoch müsse man nun zusammenstehen. Waack richtete seine Worte besonders an die Angehörigen, Freunde, Kollegen, Mitschüler, Lehrer und alle, die die Verstorbenen gekannt hatten. „Manches lässt sich leichter tragen, wenn man spürt, dass vor einem, neben einem und hinter einem andere Menschen sitzen“, sagte der Pastor und beschrieb damit genau die Atmosphäre, die in der voll besetzten Kirche spürbar war.
Gemeinschaftliches Trauern und Kerzen des Gedenkens
Die Besucher der Andacht suchten aktiv den körperlichen und emotionalen Kontakt zueinander: Sie umarmten sich gegenseitig, stützten einander in Momenten der Schwäche und weinten gemeinsam. Diese geteilte Trauer schuf einen tröstenden Zusammenhalt, der über Worte hinausging. Im Anschluss an die offizielle Andacht entzündeten die Kirchenbesucher zahlreiche Kerzen auf dem bereits übervollen Lichteraltar – ein symbolischer Akt des Gedenkens, der in gemeinsamem Schweigen vollzogen wurde.
Pastor Waack erklärte, dass dieses Bedürfnis nach gemeinsamem Schweigen und Zusammenkommen tief in der menschlichen Natur verwurzelt sei: „Seit Jahrhunderten haben sich die Menschen bei besonderen Ereignissen in der Kirche versammelt“, so der Geistliche nach der Andacht. Daher sehe er es als seine besondere Aufgabe an, diesen sakralen Raum in schwierigen Zeiten zu öffnen und offenzuhalten. In der Kirche solle alles Platz haben – von tiefster Trauer und Ohnmacht bis hin zu Lachen und Freude.
Hilfsangebote bei Suizidgedanken oder Depressionen
Falls Ihre eigenen Gedanken darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, sprechen Sie mit anderen Menschen darüber! Es gibt zahlreiche, auch anonyme Hilfsangebote:
- Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222
- Der Anruf ist kostenlos und taucht nicht in der Telefonrechnung auf
- Professionelle Beratungsstellen bieten Unterstützung bei Depressionen und Krisensituationen
Die Gedenkandacht in Wittenburg zeigte eindrucksvoll, wie eine Gemeinschaft in Zeiten unbegreiflicher Tragödien zusammenfinden kann. Die St. Bartholomäus-Kirche wurde an diesem Abend nicht nur zu einem Ort des Gedenkens, sondern auch zu einem lebendigen Symbol für menschliche Verbundenheit inmitten der Trauer.



