Im Landkreis Ludwigslust-Parchim hat die Polizei innerhalb von nur 72 Stunden außergewöhnlich viele Wildunfälle verzeichnet. Ganze 40 Zusammenstöße mit Wildtieren wurden auf den Straßen der Region registriert. „Die Zahl lag deutlich über dem Durchschnittswert“, erklärte Polizeisprecherin Christin Höfler zu diesem auffälligen Ausreißer in der Unfallbilanz.
Vor allem Rehe betroffen
Die Auswertung der Polizei ergab, dass in den meisten Fällen Rehe die Unfallopfer waren. Mehr als 30 dieser Tiere kamen unter die Räder. Darüber hinaus zählten die Beamten zwei Hirsche, zwei Wildschweine, zwei Hasen sowie einen Frischling zu den Verunglückten.
Gründe für die erhöhte Wildwechsel-Aktivität
Für die derzeit verstärkten Wildwechsel in den Morgen- und Abendstunden haben Experten mehrere Erklärungen parat. „Besonders Rehwild ist gerade sehr aktiv“, berichtete Andreas Gehrke, Vorsitzender des Parchimer Jagdverbandes. In der kalten Jahreszeit schließen sich Rehe zunächst in kleineren Verbänden, den sogenannten Wintersprüngen, zusammen. Im Frühjahr lösen sich diese Verbände wieder auf. „Es sind dann viele einzelne Tiere unterwegs“, so Gehrke. Zudem gehen die Tiere nach dem Winter mit kargem Nahrungsangebot verstärkt auf Futtersuche.
Ein weiterer Faktor sind die hormonell bedingten wilden Verfolgungsjagden zwischen Rehböcken. „Da kann es richtig wild hin- und hergehen“, beschrieb Michael Kuhn, Vorsitzender des Kreisjagdverbandes Ludwigslust. Männliche Jungtiere werden von älteren, territorialen Böcken aus deren Revieren gejagt und müssen sich einen neuen Platz suchen. Bei diesen Verfolgungsjagden kann der Rivale auch schon mal über Landstraßen gehetzt werden oder flüchten.
Anziehungskraft von Straßenrändern
Für Wildschweine sind Straßengräben und -ränder derzeit eine willkommene Nahrungsquelle. „In den Randbereichen finden sie unter anderem Reste von Streusalz“, erläuterte Andreas Gehrke. Auch Feldhasen werden bewusst auf die Straße gezogen – jedoch aus hygienischen Gründen. „Um sich trocken zu laufen“, erklärte Jäger Kuhn das Phänomen. Wenn das Fell der Tiere nass wird, können sie auskühlen. Durch viel Bewegung versuchen sie, wieder trocken zu werden. Normalerweise nutzen sie dafür Feldwege oder andere trockene Flächen in der Natur, manchmal aber auch den Asphalt.
Appell an Autofahrer
Angesichts der erhöhten Wildwechsel-Aktivität appellieren Polizei und Jäger an Autofahrer, vorausschauend und defensiv zu fahren. Insbesondere an Waldstücken und bekannten Wildwechseln sollte das Tempo reduziert werden. „Auf einer Strecke mit Wildwechsel muss ich nicht 100 km/h fahren, auch wenn ich es vielleicht darf“, betonte Gehrke. Autofahrer sollten zudem beachten: Wenn ein Wildtier über die Straße läuft, sind meistens noch weitere Artgenossen in der Nähe.
Bei Wild am Straßenrand empfiehlt die Polizei: abbremsen, hupen, gegebenenfalls das Fernlicht abblenden und „keine Ausweichmanöver durchführen“. So lassen sich schwere Unfälle vermeiden.



