Bahn-Sanierung Hamburg-Berlin verzögert sich: Politik und Branche kritisieren Generalsanierungskonzept
Pendler zwischen Hamburg und Berlin müssen weiterhin Geduld beweisen. Die dringend benötigte Sanierung der wichtigen Bahnstrecke verzögert sich erneut, was für erheblichen Unmut in der Politik und der gesamten Bahnbranche sorgt. Die grundlegende Frage, die sich nun stellt, lautet: Ist das einst vielversprechende Konzept der Generalsanierungen überhaupt noch tragfähig?
Politiker zeigen sich empört über mangelnde Kommunikation
Die anhaltenden Bauverzögerungen lösen in den betroffenen Bundesländern Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern Empörung und großes Unverständnis aus. „Das ist ein herber Rückschlag für die Menschen in unserer Region, gerade wenn ich an die Pendler denke“, erklärte Brandenburgs Verkehrsminister Detlef Tabbert (parteilos). Die Verärgerung wird durch den Vorwurf mangelnder Transparenz seitens der Deutschen Bahn noch verstärkt.
Mecklenburg-Vorpommerns Verkehrsminister Wolfgang Blank (parteilos) berichtete, dass er und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) die Bahnchefin Evelyn Palla erst kürzlich getroffen hätten. „Die Ministerpräsidentin hat ausdrücklich gefragt, ob es bei der Eröffnung bleibt. Da gab es kein Wort von der Bahn zur Verzögerung“, kritisierte Blank die fehlende frühzeitige Information.
Deutsche Bahn führt Winterwetter als Hauptgrund an
Die Deutsche Bahn begründete die Verzögerung am Montag mit den anhaltenden winterlichen Bedingungen. Frost und Schnee hätten die notwendigen Kabeltiefbauarbeiten für die Signal- und Stellwerksanlagen sowie Arbeiten an den Oberleitungen nahezu unmöglich gemacht. Seit sechs Wochen seien die Arbeiten bereits im Verzug. Der Konzern teilte mit, dass der ursprünglich für Ende April geplante Fertigstellungstermin nicht mehr eingehalten werden könne. Ein neuer Termin soll erst am 13. März bekannt gegeben werden, wobei von einer Verzögerung von „wenigen Wochen, nicht von Monaten“ ausgegangen wird.
Für die Reisenden bedeuten diese Nachrichten erhebliche Einschränkungen. Fernverkehrszüge benötigen aufgrund von Umleitungen aktuell 45 Minuten länger für die Strecke zwischen Hamburg und Berlin. Im Regionalverkehr müssen Pendler weiterhin auf Ersatzbusse umsteigen, was die Fahrzeiten auf den meisten Relationen deutlich verlängert. Die Bauarbeiten hatten Mitte August begonnen und sollten ursprünglich neun Monate dauern.
Das Generalsanierungskonzept zeigt immer mehr Risse
Die Generalsanierungen von rund 40 Strecken sollten eigentlich der Befreiungsschlag der Bahn im Kampf gegen die marode Infrastruktur und die daraus resultierenden Verspätungen sein. Die Grundidee: Wichtige Strecken werden für etwa ein halbes Jahr voll gesperrt und in einem Zug grundlegend erneuert. Doch dieses Konzept weist inzwischen erhebliche Mängel auf:
- Bauzeit: Der ursprüngliche Zeitplan, alle Sanierungen bis 2031 abzuschließen, wurde bereits auf 2036 gestreckt. Zudem verlängert sich die Bauzeit bei einzelnen Projekten, wie nun auch zwischen Hamburg und Berlin.
- Kosten: Wie bei vielen Großprojekten explodieren die Kosten. Die Riedbahn kostete statt geplanter 500 Millionen Euro letztlich 1,3 Milliarden Euro. Für Hamburg-Berlin sind 2,2 Milliarden Euro veranschlagt, eine Erhöhung ist wahrscheinlich.
- Baustellen vor und nach Sanierungen: Nicht alle Arbeiten können während der Generalsanierung erledigt werden, was zu weiteren Bauphasen führt, wie auf der Strecke Nürnberg-Regensburg geplant.
- Baufreiheitsversprechen: Das Versprechen von fünf Jahren ohne weitere Bauarbeiten nach einer Generalsanierung wird auf vielen Strecken nicht eingehalten.
- Leit- und Sicherungstechnik: Probleme bei der Einführung digitaler Technik (ETCS) und elektronischer Stellwerke führen zu Verzögerungen oder späteren Verkehrseinschränkungen.
Branchenverbände fordern grundlegende Überprüfung
Angesichts der anhaltenden Probleme fordern Branchenvertreter eine grundsätzliche Überprüfung des gesamten Sanierungskonzepts. „Bund und Bahn müssen verbindliche Standards für Generalsanierungen festlegen, die auf jeden Fall eine deutliche Kapazitätssteigerung für die Strecke und belastbare Zeitpläne vorsehen“, fordert Dirk Flege von der Allianz Pro Schiene. Er kritisiert, dass selbst der großzügige Zeitpuffer bei Hamburg-Berlin nicht ausgereicht habe.
Peter Westenberger vom Verband der privaten Güterbahnen unterstützt diese Forderung: „Die Planung der Korridorsperrungen muss endlich wirklich auf den Prüfstand.“ Die wiederholten Verzögerungen und Kostenüberschreitungen untergraben das Vertrauen in die Fähigkeit der Bahn, ihre Infrastruktur zügig und effizient zu modernisieren. Während Gerd-Dietrich Bolte, Vorstand für Infrastrukturplanung bei der DB InfraGo, auf besseres Wetter hofft, wächst der Druck von Politik und Wirtschaft, das Sanierungsprogramm grundlegend zu reformieren.



