Stadtparlament sagt Nein zu milliardenschwerem Digitalprojekt
In einer denkwürdigen Sitzung hat das Stadtparlament von Groß-Gerau den Bau eines gigantischen Rechenzentrums mit einer Investitionssumme von 2,5 Milliarden Euro gestoppt. Der US-Investor Vantage Data Centers wollte auf einer 14 Hektar großen Fläche – vergleichbar mit 20 Fußballfeldern – fünf Server-Türme errichten, die mit 174 Megawatt Leistung nicht nur die höchsten Gebäude der Stadt überragt, sondern auch Deutschlands Position als wichtiger Internetknotenpunkt gestärkt hätten.
Knappe Abstimmung mit politischem Bündnis gegen das Projekt
Mit 18 zu 14 Stimmen entschied sich die Mehrheit des Parlaments gegen das Vorhaben. Während CDU und Freie Wählergemeinschaft für das Projekt votierten, bildeten SPD, Grüne, FDP, Freie Wähler und Linke eine ungewöhnliche Allianz zur Ablehnung. Bürgermeister Jörg Rüddenklau (SPD) zeigte sich nach der Entscheidung erleichtert: „Ich bin stolz darauf, dass wir eine so wichtige Entscheidung jetzt nicht fällen, weil uns Druck gemacht wird.“
SPD-Fraktionsvorsitzende Susanne Theisen-Canibol bekräftigte diese Haltung gegenüber dem Hessischen Rundfunk mit deutlichen Worten: „Wir verkaufen unsere Stadt Groß-Gerau nicht an einen milliardenschweren Investor.“ Die Anwohner, die eine Verunstaltung des Stadtbilds befürchteten, reagierten mit Erleichterung auf das Votum.
Wirtschaftliche Konsequenzen für hochverschuldete Kommune
Die Entscheidung hat erhebliche wirtschaftliche Implikationen für die finanziell angeschlagene Kreisstadt. Groß-Gerau, das erst im vergangenen Jahr 14 Millionen Euro Soforthilfe aus Steuergeldern benötigte, verzichtet bewusst auf dringend benötigte Steuereinnahmen. Der US-Investor hatte das vorgesehene Areal bereits erworben, die zukünftige Nutzung der Fläche bleibt nun ungewiss.
Fachleute verweisen auf den paradoxen Aspekt der Ablehnung: Gerade 35 Kilometer entfernt in Frankfurt befindet sich eines der weltweit größten Datenautobahn-Drehkreuze, wo bereits 76 Server-Farmen existieren. Die Kapazitäten reichen jedoch nicht aus, um die stetig wachsenden Datenmengen zu bewältigen, weshalb zusätzliche Rechenzentren in der Region dringend benötigt werden.
Kein Einzelfall: Ähnlicher Widerstand in Maintal
Die Situation in Groß-Gerau ist kein isolierter Fall. Nur etwa 50 Kilometer entfernt kämpft die Kleinstadt Maintal gegen ein vergleichbares Projekt des US-Unternehmens Edgeconnex. Das geplante XXL-Rechenzentrum mit 170 Megawatt Leistung wäre so energieintensiv, dass sogar ein eigenes Gaskraftwerk für die Stromversorgung erforderlich wäre – mehr Stromverbrauch als die gesamte Stadt Maintal benötigt.
In Maintal führen CDU, SPD und Wahlalternative einen erbitterten Abwehrkampf gegen den Investor, was zeigt, dass der Widerstand gegen große Rechenzentren in der Region zunimmt. Die Ablehnung solcher Projekte wirft grundsätzliche Fragen über die Balance zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, Digitalisierung und kommunaler Selbstbestimmung auf.
Das Land Hessen, das den Ausbau der digitalen Infrastruktur fördern möchte, zeigt sich über die Entscheidung in Groß-Gerau frustriert. Gleichzeitig markiert der Fall einen Präzedenzfall für andere Kommunen, die vor ähnlichen Entscheidungen stehen. Die Debatte um Rechenzentren als notwendige Infrastruktur versus städtebauliche und soziale Auswirkungen wird in Hessen und darüber hinaus weiter an Schärfe gewinnen.



