Erneuter Verkehrsstillstand: ÖPNV-Streik legt München und weitere bayerische Städte lahm
Am Dienstagmorgen begann im bayerischen Nahverkehr erneut ein umfassender Streik, der den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in mehreren Großstädten zum Erliegen brachte. Die Gewerkschaft Verdi rief zum sechsten Mal im laufenden Tarifkonflikt zu Arbeitsniederlegungen auf, die von Dienstag bis Mittwochfrüh um 3.30 Uhr andauern sollen.
Betroffene Städte und eingeschränkter Betrieb
Nicht nur München ist von den Streikmaßnahmen betroffen. Verdi teilte mit, dass auch in Nürnberg, Augsburg, Regensburg, Fürth, Bayreuth, Dachau, Passau, Landshut und Schweinfurt U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen bestreikt werden. S-Bahnen und Regionalzüge sind von den Arbeitsniederlegungen ausgenommen und verkehren planmäßig.
In der Landeshauptstadt München versucht die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) eine Notversorgung aufrechtzuerhalten. Durch den Einsatz privater Omnibusunternehmen sollen etwa die Hälfte der Busse im Einsatz bleiben. Je nach Personalverfügbarkeit könnten zudem einige Tram- und U-Bahn-Linien eingeschränkt fahren, wobei die Priorität auf der Tramlinie 20 und der U-Bahn-Linie U6 liegt.
Dramatische Auswirkungen für den Münchner Einzelhandel
Die wirtschaftlichen Folgen des Streiks sind insbesondere für die Münchner Innenstadt gravierend. Wolfgang Fischer, langjähriger Geschäftsführer des Verbands der Münchner Innenstadthändler Citypartner, spricht gegenüber der AZ von Millionenschäden. "Der Schaden geht in die Millionen", betont Fischer und verweist auf ein Gutachten des Wirtschaftsreferats, wonach allein in der Münchner Innenstadt etwa 100.000 Beschäftigte von den Verkehrseinschränkungen betroffen sind.
Nicht nur Handel und Gastronomie leiden unter den Ausfällen, sondern auch Dienstleistungsunternehmen und Kultureinrichtungen. Fischer erklärt: "Es sind neben Handel, Gastronomie und Dienstleistung auch die Kulturbetriebe betroffen. Sie kommen ja auch nicht mehr in die Kammerspiele, ins Museum. Die Unternehmen sind entsetzt."
Kritik nach vorangegangener Stammstrecken-Sperrung
Besonders hart trifft der Streik die Münchner Innenstadt, da er direkt an die mehrtägige Sperrung der Stammstrecke zwischen Stachus und Ostbahnhof anschließt, die erst am Montag endete. Während dieser Osterferien-Sperrung verzeichneten Händler bereits Umsatzrückgänge von bis zu 35 Prozent.
Gregor Lemke, Vorsitzender der Münchner Innenstadtwirte, kritisiert die Häufung der Verkehrsbehinderungen scharf: "Wir predigen auf der einen Seite, dass wir eine autofreie Innenstadt haben wollen, und auf der anderen Seite kannst du scheinbar nur mit der Pferdekutsche oder Esel die Stadt erreichen. So funktioniert das mit der Belebung der Innenstadt definitiv nicht." Die Gastronomie verzeichnet an Streiktagen Umsatzeinbußen von bis zu 20 Prozent.
Hintergrund: Tarifverhandlungen und Gewerkschaftsforderungen
Mit dem Streik am Vortag der fünften Verhandlungsrunde für den bayerischen Nahverkehr will Verdi Druck auf die Arbeitgeber ausüben. Die Gewerkschaft hat ihre Forderungen mittlerweile leicht modifiziert und verlangt nun:
- Eine Entgelterhöhung um 550 Euro in zwei Schritten
- Bei einer Laufzeit von 24 Monaten
- Sowie eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit
Die Arbeitgeber hatten nach der letzten Verhandlungsrunde zwar ihr Angebot verbessert, die Gewerkschaftsforderungen jedoch als "realitätsfern" abgelehnt. Verdi zeigt sich derweil der angespannten Situation bewusst: "Man habe 'großes Verständnis für den Frust der Fahrgäste' und sei sich der angespannten Situation in Anbetracht der hohen Energiepreise bewusst", heißt es in einer Stellungnahme. Gleichzeitig betont die Gewerkschaft: "All diese Probleme können jedoch nur politisch gelöst und nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden."
Die MVG empfiehlt Fahrgästen, auf alternative Verkehrsmittel auszuweichen, Fahrgemeinschaften zu bilden oder Homeoffice zu nutzen, wo möglich. Für viele Beschäftigte in der Innenstadt bleibt jedoch nur die Hoffnung auf eine baldige Einigung in den Tarifverhandlungen, bevor weitere wirtschaftliche Schäden entstehen.



