Stimmen aus der Region für den öffentlichen Nahverkehr
Im Perleberger Kreishaus sitzt Raika Linstaedt konzentriert vor dem Mikrofon und spricht deutlich: „Unser nächster Halt ist Brügge, Bahnhof“. Die 31-jährige Neu-Prignitzerin ist eine von über 40 Einwohnern, die einem Aufruf der Kreisverwaltung gefolgt sind und die Namen aller rund 700 Bushaltestellen im Landkreis aufgenommen haben. Diese persönlichen Ansagen werden ab dem 1. August in den neuen Bussen der kommunalen Verkehrsgesellschaft Prignitz (VGP) zu hören sein.
Von der Idee zur Umsetzung
Die besondere Initiative entstand im Zuge der Rekommunalisierung des Busverkehrs. Da der Vertrag mit der Arge Prignitzbus Ende Juli ausläuft, übernimmt die VGP ab August den gesamten Busbetrieb im Landkreis. Geschäftsführer Tobias Heuer und die Kreisverwaltung entwickelten dabei eine ungewöhnliche Idee: Statt künstlich erzeugter Stimmen oder professioneller Sprecher sollten Menschen aus der Region die Haltestellen ansagen. Bis Mitte März konnten sich Interessierte mit einer kurzen Stimmprobe bei der Pressestelle des Landkreises bewerben.
Gina Werthe, Pressereferentin beim Landkreis, erklärt das Auswahlverfahren: „Über 60 Personen haben sich als Haltestellen-Ansager beworben. Manche Bewerbungen kamen aus Potsdam oder Berlin, aber wir wollten ausschließlich Sprecher aus der Prignitz. Nur ganz wenige Bewerber haben wir aussortiert, weil die Stimmprobe nicht gepasst hat.“ Nun werden drei Tage lang Aufnahmen mit den etwa 40 verbliebenen Sprechern gemacht.
Vielfältige Sprecher aus der Region
Die Gruppe der Ansager ist bunt gemischt und repräsentiert verschiedene Teile der Bevölkerung:
- Raika Linstaedt, die erst vor zwei Monaten ins Amt Meyenburg gezogen ist und die Aktion als kreative Möglichkeit sieht, sich in ihrer neuen Heimat einzubringen
- Acht Kinder, die für die Grundschulen im Kreis die Durchsagen aufnehmen werden
- Der Schauspieler und Ehrenbürger von Wittenberge, Udo Schenk, der für das Stadtzentrum der Elbestadt die Haltestellen ansagt
- Landrat Christian Müller, der die Ansagen für die Stopps am Kreishaus und Kreisarchiv einspricht
Für jede Gemeinde oder jedes Amt wurden unterschiedliche Sprecher ausgewählt. In größeren Städten werden sogar mehrere Personen in den Bussen zu hören sein, was die regionale Vielfalt zusätzlich unterstreicht.
Persönliche Motivation und technische Umsetzung
Raika Linstaedt entdeckte die Aktion durch die Zeitung und einen Facebook-Post: „Da ich ein starkes Interesse an Synchronsprechen habe, habe ich mich sofort beworben. Für mich als Neu-Prignitzerin ist das eine wunderbare Möglichkeit, hier anzukommen und mich kreativ einzubringen.“ Neben den Haltestellennamen sprach sie auch weitere Ansagen ein, die im Bedarfsfall eingesetzt werden – etwa wenn ein Bus die Endstation erreicht hat oder die Bitte, sich während der Fahrt festzuhalten.
Die Aufnahmen erfolgen in einem kleinen Studio im Kreishaus, wo die Sprecher professionell betreut werden. Die meisten Ansagen gelingen auf Anhieb, nur selten verhaspelt sich jemand. Raika Linstaedt freut sich bereits auf den praktischen Test: „Ich möchte mich jetzt auch einmal selbst hören und werde ab August gezielt mit dem Bus fahren.“
Bürgerbeteiligung als Kern der Rekommunalisierung
Für VGP-Geschäftsführer Tobias Heuer ist die Aktion mehr als nur eine nette Geste: „Wir wollen die Bürger stärker in die Gestaltung des öffentlichen Nahverkehrs einbinden. Schließlich wird der Busverkehr rekommunalisiert und geht nach der Prignitzbus-Ära wieder in öffentliche Hand über. Für die Prignitzer soll diese Initiative widerspiegeln, dass sie mehr Einfluss auf den Busverkehr haben.“
Die persönlichen Stimmen sollen nicht nur für eine angenehmere Atmosphäre in den Bussen sorgen, sondern auch das Gefühl der Identifikation mit dem öffentlichen Nahverkehr stärken. Ab dem 1. August werden die neuen Busse mit den Aufnahmen der Prignitzer Bürger im Einsatz sein und damit ein Stück regionale Identität in den Alltag der Fahrgäste bringen.



